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Der Tod und der Hirsch

Es ist heiß. Der Russe raucht, ich rauche, und der Rheinländer raucht auch und redet ununterbrochen. Heute darüber, dass die Sommer früher nicht so heiß waren, das kommt vom Ozonloch. Wenn es mal ein paar Tage regnet und kalt ist dann redet er darüber, dass die Sommer früher viel schöner und trockener waren, das liegt am Ozonloch. Er redet ständig. Der Russe dagegen erzählt selten was, bei der Armee haben sie ihn schwer misshandelt, hat er einmal erzählt, über seine Nase und Stirn läuft eine tiefe Narbe. Also fahren wir einfach in dieser Hitze zu dem Haus wo wir das Bett zur Entsorgung abholen sollen. Das Bett in dem jemand gestorben ist. Und dann ein paar Tage drin lag.
Mitten im Sommer.
Wir finden das Dorf, die Straße die Hausnummer, steigen aus und klingeln. Wir werden von zwei Männern mit bedrückten Gesichtern begrüßt. Vater und Sohn oder Sohn und Enkel vermutlich. Sie haben Raumspray in der Hand und zeigen uns eine Tür. Ohne nachzudenken machen wir die Tür auf, der Rheinländer geht rein, ich nach ihm, dann der Russe. Dann stolpern wir rückwärts wieder raus, der Rheinländer rennt mich fast um und reißt ein Fenster auf, ich schlage die Tür zu und würge, der Russe stützt sich auf die Knie und schüttelt den Kopf. So riecht also der Tod. Schwer und süß, dabei sauer und verfault, alles zusammen. Schweiß und Exkremente, Gärung und Angst. Und dazu noch der beißende Tannengeruch aus der Dose. Wir fluchen lautstark, der Russe auf russisch, der Rheinländer zündet sich eine Zigarette an und schimpft, ich keuche und sage „Verdammte Scheiße“. Sohn und Enkel stehen daneben und entschuldigen sich.
Als wir wieder reingehen atme ich durch den Mund und versuche nicht zu denken. Wir haben Müllsäcke dabei und Plastikhandschuhe an. Als der Rheinländer die Bettdecke in den Sack stopft, den der Russe aufhält, starre ich in die Augen des riesigen Hirschkopfes der an der Wand dem Bett gegenüber hängt.
Vom Bett steigt fast sichtbar eine neue Wolke grausigen Todesgestanks auf. Man kann eine Mulde sehen, da wo der Mann gelegen hat. Eine Mulde in Form eines Menschen, die jetzt eine widerwärtige bräunlich schimmernde Flüssigkeit enthält. Wie dünne Schmierseife. Der Rheinländer rennt mit dem ersten vollen Sack zum Lastwagen und der Hirschkopf starrt ins Leere.
Achtzehn Enden zähle ich, ein riesiger Schädel, die Augen sehen wach und lebendig aus und wäre er nicht auf ein Brett geschraubt und an die Wand genagelt, man würde nicht meinen dass er tot ist. Während der Russe Kissen und Bettbezug von der Matratze zu schälen versucht ohne in das Gemisch von vergorenem Mensch und dem was er in den letzten Zuckungen aus seinen Eingeweiden gepresst hat.
Den Hirsch geht das alles nichts an. Mittlerweile scheint es mir als würde er den ganzen Raum ausfüllen, allein durch die majestätische Haltung zu der er selbst im Tod, seines ganzen Körpers beraubt, noch fähig ist. Er sieht darüber hinweg, wie widerlich sich die Wandlung vom Menschen zur Erde gestaltet. Strahlend und groß hängt er an seinem Brett an seinem Platz und hat schon beim Tod dieses Menschen nicht mit der Wimper gezuckt, und auch nicht jetzt, als wir schreiend versuchen den Spritzern dieser ekelhaften Flüssigkeit zu entgehen versuchen, weil der Rheinländer zu blöd ist, das irgendwie in Ruhe zu machen, dass eben nichts rumspritzt. Er geht wieder raus hängt sich aus einem Fenster und würgt, kotzt vielleicht sogar.
Der Russe macht weiter. Er macht das schnell und überlegt und ruhig. Vielleicht spürt er auch die Ruhe die von diesem Hirsch ausgeht. Eine Ruhe, die viel größer scheint, als ein einzelnes Menschenleben, viel größer als alles Leben, eine Ruhe die es einfach völlig gleichgültig macht ob lebendig oder tot.
Der Rheinländer kommt wieder rein, leichenblass, ich drücke ihm den vollen Sack in die Hand und würgend schleppt er ihn zum Lastwagen.
Ich stülpe einen Sack über das erste Matratzenteil das der Russe aus dem Bett gehoben hat, binde ihn zu und drücke ihn dem Rheinländer in die Hand. Der jammert, schimpft und flucht immer noch am allermeisten, obwohl er am wenigsten in dem Zimmer ist.
Zum Schluss reißen wir das Bettgestell in Stücke. Wir brechen die Seitenbretter auseinander, dass sie auch in Säcke passen. Irgendwie ist uns das lieber, wenn wir alles einpacken können. Stumm treten wir den Lattenrost auseinander, das dunkle Holz von Kopf- und Fußteil splittert und kracht.
Plötzlich ist mir als würde ich trotzdem, dass ich die ganze Zeit durch den Mund atme, den Wald riechen. Nicht die hässliche Waldimitation die Sohn und Enkel aus ihren Dosen dauernd in das Zimmer sprühen, sondern den echten Wald. Den aus dem der Hirsch kommt. Der harzige Geruch der Bäume, das feuchte Moos, die Pilze und den schweren dunklen Boden. Alles was da wächst, ernährt sich von dem, was da vor langer Zeit gestorben ist, und mittendrin stand der Hirsch, aufrecht und stolz, wie auf diesen kitschigen Bildern, die wir bei anderen Wohnungsräumungen schon öfter von den Wohnzimmerwänden abgenommen und auf den Sperrmüll geworfen haben.
Endlich sind wir fertig und der Rheinländer kassiert, der Russe und ich schauen ihm dabei genau auf die Finger. Das wäre nicht das erste Mal dass er das Trinkgeld statt zu teilen selber einsteckt. Zwanzig Mark bekommt jeder von uns extra, eine ganze Menge für eine Viertelstunde Arbeit.Jetzt da das Zimmer leer ist, wird es erst recht von dem Hirsch ausgefüllt und beherrscht. Ich zünde mir eine Zigarette an, dann gehen wir alle raus und klettern in die Fahrerkabine.
Im Wagen ist es heiß, nach wie vor, und der Rheinländer hält endlich sein Maul und trinkt einen Jägermeister. Dann schlage ich den Beiden vor, wenn Sie mir ihr Trinkgeld geben lade ich den Lastwagen alleine ab. Sie sind einverstanden und nach einer halben Stunde Fahrt stehe ich hinten auf der Ladefläche, atme durch den Mund und werfe die Müllsäcke einen nach dem anderen in den riesigen Schlund der Verbrennungsanlage.
Alles ist ruhig.

Das Loch

Mein Beitrag zum zweiten Landshuter Krimi-Wettbewerb, allerdings außer Konkurrenz.
Ich war nämlich Jury-Mitglied.

Als Siegmund endlich wieder aus seiner Tür trat, klaffte in der Altstadt direkt vor der Martinskirche ein riesiges Loch. Menschen liefen um das Loch herum, als hätte die Stadt nie anders ausgesehen. Siegmund trat auf die Straße; da fühlte er, wie sich zwei Hände um seinen Hals schlossen. Zwei starke Hände. Zwei sehr starke Hände. Und obwohl Siegmund versuchte den tödlichen Griff zu sprengen sank langsam ein dunkler Vorhang vor seinen Augen nieder. Genau so wie die Leute sagen zog sein ganzes Leben an ihm vorbei. In seiner ganzen Bedeutungslosigkeit.

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Alle Register

Mit dieser Story habe ich anno dazumal (ca. 2000/2001) zusammen mit dem ehrwürdigen Heimatpoeten Hans Schratzenstaller den ersten Platz bei einem Weihnachts-Poetry-Slam im Foyer des kleinen Theaters gewonnen.
Interessant waren vor allem die fragenden Blicke der anwesenden Kinder und die entsetzten Gesichter deren Eltern.
Poetry Slam war damals halt noch kein Kindergeburtstag.

Heilig Abend. Irgendwann in den Neunzigern. Ich sitze stocksauer bei meinen Eltern im Wohnzimmer, starre in den Lametta-Overkill und versuche mich mit Punsch zu betrinken. Vor zwei Tagen hat mich meine Freundin vor die Tür gesetzt. Es gab da allerhand Missverständnisse, widrige Umstände und eine Praktikantin. Das Betrinken haut allerdings nicht hin, mein Magen rebelliert erbost gegen die Gewürzmischung, die meine Mutter in den Punsch zu kippen pflegt. Unvermittelt stehe ich auf und sage sowas wie:
„Ich geh in die Stadt, frohe Weihnachten noch.“
Draußen ist es saukalt, aber egal, das Ziel ist klar: völliger Realitätsverlust.

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Die Lilie

Die Blume wächst in den Himmel, auf die Sonne zu.

Ich kann sie dabei beobachten. Die Blätter entfalten sich eins nach dem anderen, das Grün wird immer kräftiger, Leben aus der duftenden, feuchten Erde fließt hinein bis in die Spitzen. Regenwürmer lockern den Boden, lassen die Luft hindurchatmen. Eine Knospe erwacht, als die Wolke die Sonne freigibt. Sie springt auf, weiß und unaufhaltsam entfaltet sich die Blüte. Mit zarten Adern durchsetzt, rosa und gelb bestäubt, strahlend blickt die Lilie ins Leben.

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Sie sind traurig

Eingereicht zu einem Wettbewerb mit Thema „Engel“.

Das ist doch dein Kind da, sieh doch hin, sage ich zu ihr.
Aber sie hört natürlich nicht was ich sage. Aber sie sieht auch ihr Kind nicht, die Lisa. Sie hat ein Bild gemalt, wie es kleine Mädchen halt so malen. Ein krakeliges Pferd und eine kleine krakelige Gestalt daneben. Lisa und ihr Pferd wird das wohl sein. Wie die kleinen Mädchen immer da drauf kommen, dass sie ein Pferd haben wollen ist mir nach wie vor ein Rätsel. Aber naja.

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Der vierzehnte Frühling

Geschichte eingereicht bei einem Wettbewerb zum thema „Es lebt!“. Sonst keine Vorgaben.
Die Story hat unverständlicherweise nicht gewonnen.

„Meine Herren, kommen wir nun zum wesentlichen Punkt unserer Untersuchung“ sagt eine Stimme. Gleich darauf wird mein linkes und dann mein rechtes Augenlid geöffnet. Ich sehe grelles Licht. Es ist widerlich.
„Die Augen, wie Sie sehen, sind völlig unbeweglich.“ Ein roter Punkt erscheint vor meinem Auge, wird größer. Es wird wieder dunkel.
„Achten sie auf die Monitore.“
Ich fühle einen heftigen Schlag mitten in meinem Kopf, plötzlich bin ich nicht mehr hier.

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Komm mit

Eigentlich als Fingerübung zum Dialog geschrieben, dann eingereicht zu einem Wettbewerb mit Thema „amour fou“.
Thema war wohl verfehlt.

Später aus einem mir entfallenen Anlass im Rathaus-Prunksaal vor illustrem Publikum gelesen.
Mit mir on stage: Landshuts OB himself – Hans Rampf

ob

„Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt Liebe ist“, sagt sie und wischt sich den Mund ab.
„Mhm“, sagt er. Dann trinkt er einen Schluck Wein. Sie auch.
Dann rauchen sie.

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