Das Loch

Mein Beitrag zum zweiten Landshuter Krimi-Wettbewerb, allerdings außer Konkurrenz.
Ich war nämlich Jury-Mitglied.

Als Siegmund endlich wieder aus seiner Tür trat, klaffte in der Altstadt direkt vor der Martinskirche ein riesiges Loch. Menschen liefen um das Loch herum, als hätte die Stadt nie anders ausgesehen. Siegmund trat auf die Straße; da fühlte er, wie sich zwei Hände um seinen Hals schlossen. Zwei starke Hände. Zwei sehr starke Hände. Und obwohl Siegmund versuchte den tödlichen Griff zu sprengen sank langsam ein dunkler Vorhang vor seinen Augen nieder. Genau so wie die Leute sagen zog sein ganzes Leben an ihm vorbei. In seiner ganzen Bedeutungslosigkeit. Nur die letzten zehn Minuten blieben rätselhaft. Der Knall, das Loch, das tote Telefon, die stieren Blicke der Menschen, die Hände, die Stimme, die Hände … er seufzte.

Alfred spürte, dass der komische Typ in dem Hawaiihemd endlich schlaff wurde und drückte er noch ein bisschen länger zu. Als der Puls aufhörte zu schlagen ließ er los und dachte:
Ach du Scheiße. So ein Dreck. Was habe ich bloß getan?
Auf Freigang. Den Erstbesten, der vor ihm auf die Straße trat, einfach gepackt und … Er mochte es gar nicht zu Ende denken. Was sein Bewährungshelfer wohl sagen wird. Er sah sich um. Niemand schien von ihm Notiz zu nehmen. Auch von dem komischen Loch schien niemand Notiz zu nehmen. Aber letztes Mal war das noch nicht hier, da war sich Alfred sicher. Egal. Wenn’s keinen interessiert was er getan hat, dann hat er auch nichts getan und basta. Aber er bereute, dass es nicht wenigstens eine Frau, irgendwo versteckt … so wie früher.
Er ging am zackigen Rand des Loches entlang und hielt unter den Bögen Ausschau nach einem Opfer. Dann stieß ihn plötzich etwas von Hinten an und er fiel stumm ins Bodenlose.

Hoppla, dachte Julia. Gottseidank stand dieser Vierkantkopf im Weg sonst wäre ich in dieses dämliche Loch gefallen.
Sie schob den Kinderwagen zur Seite und spähte in die Dunkelheit hinunter. Ein bodenloses Loch direkt vor der Martinskirche. Komisch. Der bullige Typ war nicht mehr zu sehen. Wo der wohl hin ist? Naja, macht ja nix, hat scheinbar Keiner gesehen. Oder doch?
“Doch!” sagte die Stimme plötzlich. “Natürlich hat das jemand gesehen, Alle haben es gesehen.”
Verdammt dachte Julia, schon wieder. Scheißtabletten.
“Das hat mit den Tabletten nichts zu tun. Ich bin nicht eine von deinen Wahnvorstellungen. Ich bin …” aber Julia hörte den Rest nicht mehr.

‚Plopp‘ machte es, als Franz der Kopf der jungen Frau vor die Füße viel. Der Kinderwagen stürzte in die Finsternis dieses komischen Lochs und Franz dachte sich:
Schönes Schwert. Wirklich erstklassig.
Natürlich hätte er es sich nie leisten können. Aber tote Waffenhändler stellen nun mal keine Rechnungen aus. Warum der Ladenbesitzer tot war verschwand in einem seltsamen blutigen Nebel in Franzens Erinnerung. Jedenfalls ein schönes Schwert. Was willst du eigentlich?, dachte er in seinen Kopf hinein und horchte.
“Von dir will ich nichts, du Trottel.” kam die Antwort.
Hm. dachte er. Und warum nicht?
“Einem Nackten kann man nicht die die Taschen greifen, verstehst du? Dein Kopf ist so leer wie nur was.”
Und was soll das dann hier, fragte sich Franz. Er sah sich um. Obwohl die Leute alle einen recht teilnahmslosen Gesichtsausdruck hatten, geschahen seltsame Dinge. Gelegentlich fiel einfach jemand um. Ab und zu spritzte Blut und in der Ferne hörte Franz sogar einen Schuss. Alles in Ordnung. Und trotzdem hatte er das seltsame Gefühl dass das nicht richtig war. Irgendwas stimmte hier ganz und gar nicht.
Aber bevor er das zu Ende denken konnte zertrümmerte eine echt große Schaufel seinen Schädel.

So ein Mist, flucht Gerd vor sich hin. Jetzt hab ich mir die Schulter verrissen. Himmelarschundzwirn. Ein Scheißtag. Fluchend warf er die Schaufel von sich und ging weiter Richtung Gefängnis. Ich hab die Schnauze voll, dachte er bei sich. Vor ihm fiel jemand aus einem Fenster und schlug mit einem widerlichen Geräusch auf dem Kopfsteinpflaster auf. Seit heute Morgen plötzlich alle Fenster zu klirren begannen und diese bizarre Rauchsäule mit einem infernalischen Knall aus dem Himmel in den Boden schoss, lief alles schief.
Als er seine Frau erstechen wollte, wehrte die sich und warf irgendwie den Kühlschrank um. Der gute Kühlschrank. Wie sollte er einen neuen bezahlen. Arbeitslos.
Und dann ist die Klinge abgebrochen weil sie sich irgendwie in den Rippen vom Nachbarn verhakt hat. Und dieser Idiot hatte zwar eine richtig gute Pistole in der Wohnung, aber weit und breit keine Munition. Und mit dieser dämlichen Schaufel ist auch nicht viel zu machen.
“Töte.” sagte die Stimme wieder. “Töte sie alle.”
Verdammte Scheiße, ja, was tu ich denn hier die ganze Zeit, häh?
“Ich habe nicht das Gefühl dass du dir wirklich Mühe gibst. Deine Wut und deine Frustration blockieren dich.”
Das war das letzte was Franz von der seltsamen überirdischen Stimme hörte, bevor sich eine Kugel in seine Schläfe bohrte.

“Schön.” dachte Heinz. Das hätte er sich nicht träumen lassen, dass er mit Siebenundneunzig noch einmal einen über den Haufen schießen dürfte. Er lächelte.
“Weiter! Keine Müdigkeit vorschützen!” kommandierte die Stimme.
Jawoll, dachte Heinz und marschierte selig voran. Er blieb kurz stehen um ein Auto vorbeizulassen, das ein paar Meter weiter in eine kleine Gruppe von Leuten raste und einige von ihnen in die hübsche, gelbe Fassade gravierte. Touristen, dachte Heinz. Mit Fotoapparaten. Jetzt haben sie was zum fotografieren. Er ging hin und erledigte zwei von ihnen die noch so halbwegs lebten.
“Willst du wissen, warum das alles passiert?” fragte die Stimme.
Ach, dachte Heinz. Ist mir eigentlich egal. Weißt du, im Krieg wußte das auch niemand so recht.
“Aber im Krieg hast du nicht vor deiner Haustür rumgeballert.”
Aber da wo ich rumgeballert habe, hätte ich bald meine Haustür haben können. Oder so ähnlich. Lebensraum, weißt du.
“Tja, siehst du, ich brauche nicht einmal Lebensraum. Lebensraum ist langweilig, wenn man ihn nicht ausfüllen kann.”
Da sprang urplötzlich ein Langhaariger vor Heinz um ein Hauseck. So einen Schreck hielt das alte deutsche Herz nicht mehr aus und Heinz kippte sozusagen aus seinen Schuhen. Machs gut mein Freund, dachte Heinz zuletzt. Mach diese Hippies fertig…

Joschi war sich immer noch nicht sicher, ob er das alles einem ekelhaft schlechten Trip zu verdanken hatte oder ob eventuell doch irgendwas anders war als sonst. Die Stimme jedenfalls glaubte er von früher zu kennen.
Bist du sowas wie der große Alte, dachte er zu sich selbst.
“Wie wer?” fragte die Stimme.
Naja Lovecraft, Cthulhu, die großen Alten, die Außerirdischen Götter die die Menschheit versklaven und so weiter.
“Ich weiß nicht wovon du redest, aber solche durchgeknallten Arschgeigen wie dich zu versklaven habe ich echt nicht nötig.”
Und schon brach sein Genick.

Mirko war schon fünfzehn Jahre Polizist, aber dass man mit diesem Schlagstock wirklich ein Genick brechen konnte war eine neue Erfahrung für ihn. Heute waren irgendwie viele Dinge neu. Zum Beispiel dass sich die Menschen ständig gegenseitig umbrachten. Oder es zumindest versuchten. Manchmal musste er ihnen unter die Arme greifen. Zum Beispiel dieser alten Frau die mit ihrer Krücke auf einen Bewusstlosen einschlug. Er half ihr dabei, dem Mann eine Überdosis Herzmittel in den Mund zu stopfen, dann hielt sie ihm die Nase zu bis er schluckte. Der würde sich wundern, falls er nochmal wach wird. Die Oma ertrank dann in der Isar. Sie war so leicht, dass er sie fast fünf Meter weit werfen konnte.
Und irgendwie kam es ihm dann doch wieder so vor, als ob das nicht ganz richtig war. In seinem früheren Leben war das anders. Da war das nicht in Ordnung Menschen zu töten. Schon gar nicht wenn man Polizist war. Und im Dienst.
“In deinem Schädel sieht’s ja furchtbar aus.” sagte die Stimme.
Hm, wie meinst du das?
“Das reinste Chaos, hier bleib ich nicht.”
Naja, ich weiß schon ich hab gerade die Scheidung hinter mir und meine Tochter ist bei ihr und ich seh sie nicht so oft und, ähm … Moment, was riecht hier so? Benzin?

Einen Polizisten anzünden. Großartig, dachte Martin. Heute ist ja wirklich alles scheißegal. Und wie er rumläuft, wie eine Fackel auf Beinen.
Und was jetzt?, fragt er die Stimme.
“Hm mal sehen, ich überleg mir was.”
Bist du eigentlich alleine hier? So wie E.T.? Nach hause telefonieren? Oder wie in diesen Folgen von Raumschiff Enterprise in denen übermächtige Außerirdische ihr grausames Spiel mit den Menschen treiben, bis sie von ihren Eltern zurückgepfiffen werden. Hast du Eltern? Oder bist du ganz allein?
“Wie meinst du alleine? Was bedeutet das?”
Naja, ähm wie soll ich sagen, bist du einer, oder seid ihr viele?
“Hm, ich bin Alle und Alle sind Eins. Beantwortet das deine Frage?”
Nicht ganz. Bist in allen Köpfen gleichzeitig oder im Moment nur in meinem? Oder bist so eine Art kollektives Bewusstsein? Weißt du, ich habe viele Bücher gelesen über Außerirdische, Däniken und so, und das was im Fernsehen gezeigt wird ist ja alles Bullshit – Akte X und dieser Schwachsinn – also was ich meine, bist du reines Bewusstsein? Körperlos? Wo kommst du her? Und so? Hm? Wer bist du?
“Ach, leck mich doch am Arsch mit deiner Fragerei…”
Da fuhr ein Messer so blitzschnell durch Martins Kehle, dass man meinen konnte, sie sei von selbst aufgesprungen.

Miriam fühlte sich wohl. Katzenhaft versteckte sie sich in den Schatten, schlich von Deckung zu Deckung, um dann lautlos zuzuschlagen. Sie hätte nie gedacht, dass sie das so gut könne, aber sie konnte es. Nur mit einem Filetiermesser. Wunderbar.
“Kennst du einen Cthulhu?” fragte sie die Stimme. “Oder E.T.? Einen gewissen Däniken?”
Nein, kenn ich nicht, wer soll denn das alles sein?
“Keine Ahnung. Da war so ein Typ, der … – Achtung, hinter dir!”
Miriam drehte sich um, wich einem Stockhieb aus und stach zu.
“Bravo!” sagte die Stimme. “Nummer zehn.”
Wirst du welche davonkommen lassen? dachte Miriam.
“Ich weiß noch nicht. Es beginnt mir Spaß zu machen.”
Und wie lange soll das so weiter gehen?
“Hm, wie viele Menschen gibt es denn in dieser Ansiedlung hier?”
In Landshut? Ungefähr 70.000. Soviel ich weiß.
“Ah, Landshut heißt das. Schöner Name. Hat das was mit Schutz zu tun? Landes-Hut oder so?”
Ja, hat es.
“Na das trifft sich ja gut.” Die Stimme kicherte.
Du kennst unsere Sprache aber recht genau. Dafür, dass du erst heute Morgen angekommen bist.
“Weißt du Zeit ist nicht so wichtig für mich. Gibt es denn noch andere Siedlungen auf dieser Welt? Sie schien mir sehr groß zu sein. Aber manchmal wenn was von außen groß aussieht ist es von innen ganz klein. So wie eure Köpfe.”
Ja, es gibt Städte, in rauhen Mengen. Auf der ganzen Welt.
“Wie heißen die?”
Naja, hier in der Nähe, Regensburg, Deggendorf, Dachau, München … und anderswo heißen sie …
“Lynchen?” unterbrach sie die Stimme. “Super! Wir gehen nach Lynchen!”
Nach München? Wir?, dachte Miriam.
“Ja, du und ich, du gefällst mir.”
Na gut. Ich hatte heute sowieso nichts vor.
“Sehr gut, wir gehen nach Lynchen.”
Und dann werde ich auch sterben? Wie alle anderen?
“Das sehen wir, wenn wir da sind. Es ist nicht so, dass du eine Wahl hättest. Aber vorerst … – Hinter dir!“
Miriam dreht sich erneut blitzschnell um, Treffer. Versenkt.
Kurze Zeit später schnaufte ein kleiner rostiger Golf auf der A92 Richtung München.

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