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Mit dieser Story habe ich anno dazumal (ca. 2000/2001) zusammen mit dem ehrwürdigen Heimatpoeten Hans Schratzenstaller den ersten Platz bei einem Weihnachts-Poetry-Slam im Foyer des kleinen Theaters gewonnen.
Interessant waren vor allem die fragenden Blicke der anwesenden Kinder und die entsetzten Gesichter deren Eltern.
Poetry Slam war damals halt noch kein Kindergeburtstag.

Heilig Abend. Irgendwann in den Neunzigern. Ich sitze stocksauer bei meinen Eltern im Wohnzimmer, starre in den Lametta-Overkill und versuche mich mit Punsch zu betrinken. Vor zwei Tagen hat mich meine Freundin vor die Tür gesetzt. Es gab da allerhand Missverständnisse, widrige Umstände und eine Praktikantin. Das Betrinken haut allerdings nicht hin, mein Magen rebelliert erbost gegen die Gewürzmischung, die meine Mutter in den Punsch zu kippen pflegt. Unvermittelt stehe ich auf und sage sowas wie:
„Ich geh in die Stadt, frohe Weihnachten noch.“
Draußen ist es saukalt, aber egal, das Ziel ist klar: völliger Realitätsverlust.

So marschiere ich in die erstbestete Kneipe, eine irische. Die Wirtin kann zwar nicht richtig deutsch hat aber tolle Titten. Ich setze mich an die Theke in der Hoffnung, dass sie sich da möglichst oft zu mir vorbeugen muss. Das Guiness rinnt wie warmer Teer in mich hinein und ich schwanke zwischen echtem Liebeskummer und dumpfer Geilheit. Plötzlich setzt sich irgendein Klugscheißer neben mich und fragt:
„Was bedeutet denn Weihnachten für DICH?“
Ach du Scheiße, denk ich mir, ist denn sonst niemand da den er anquatschen kann. Der Depp. Ich bestelle einen Schnaps. Dabei versuche ich aber nicht, einen dieser seltsamen Namen auszusprechen, die die Iren ihren Schnäpsen geben. Da weiß man nie, ist es ein Schnaps oder eine wüste arabische Beschimpfung. Ich zeige also auf eine beliebige Flasche und sage: „Den da.“
Der Typ erklärt mir derweilen was Weihnachten für ihn bedeutet, Friede und Geborgenheit, beides scheint er am Grund eines Bierglases zu vermuten, und wenns in dem nicht ist, dann im nächsten.
Ich sage zu ihm: „Gold“
„Was?“ fragt er, „Weihnachten bedeutet für dich Gold, also Reichtum?“
„Nein, so ein Gold.“ sage ich und halte den Whisky gegen das Licht.
„Ist das Whisky?“
„Nein, Pisse.“
„Spendierst du mir einen?“ fragt er. Aha, denk ich mir, daher weht der Hase.
Ich bestelle noch zwei von dem Schnaps. Dann trinke ich beide aus und sage „Nein, dir nicht.“ Beleidigt zieht er von dannen.

Das dumme am Schnaps ist ja, man trinkt so vor sich hin, ewig tut sich nix und irgendwann macht der Verstand das Licht aus und sagt sowas wie „Viel Glück, bis Morgen.“
Vorerst male ich aber noch mit Zigarettenasche ein Herz auf die Theke, um die irischen Titten auf mich aufmerksam zu machen. Dabei fällt mir die Zigarette in den Schoß und als ich hektisch versuche die Glut zu löschen, verpisst sich mein Verstand und die Grobmotorik sagt „Warte, ich komm auch gleich mit.“
Dann haut es mich natürlich mitsamt dem beschissenen Barhocker rückwärts um. Als ich gerade wieder Luft kriege, erscheint ein wirklich beeindruckender Breitwand-Schädel vor mir und sagt:
„Verpiss dich, du hast genug.“
Ich brabble zu meiner Entschuldigung irgendwas von Titten und Frohe Weihnachten, aber drückt er mir einfach mit einer seiner gewaltigen Pranken die Kehle zu. So schleift er mich zum Ausgang und pfeffert mich dort erstmal gegen die Tür – wohl aus Versehen – dann macht er sie auf und schmeißt mich auf die Straße.

Beleidigt marschiere ich in eine zufällige Richtung und lege mich bei der ersten Eisplatte erstmal aufs Kreuz. Ich bleibe liegen und schaue mich ein bisschen um.
Auf der Straße liegt eine zerfetzte Leiche. Eingefrorenes Gedärm glänzt ölig im Schein der Weihnachtsdekoration, Goldgelb strahlen wächserne Hautfetzen zu mir her und eisstarre Finger krallen sich in die klirrende Kälte der Nacht. Das Blut ist auf dem Pflaster schwarz angefroren, Schneeflocken bilden ein bizarres Muster darauf. Der Schädel starrt mich mit seinen toten Augen an, und die bleichen geborstenen Rippen ragen zu den Sternen auf. Ich denke an die schönen Zeilen von Jim Morrison: „Indians scattered on dawn’s highway bleeding / ghosts croud the young child’s fragile eggshell mind“
Dann stelle ich fest, es ist nur ein aufgerissener Müllsack mit ein bisschen Schnee drauf.

Egal, es muss doch noch irgendwo Schnaps geben. Als ich dann endlich mit einem Bier an der nächsten Theke in der nächsten Kneipe sitze redet mich plötzlich eine Frau von rechts an.
„Willst du tanzen?“
Himmelarsch denk ich mir, welchem traurigen Softporno ist die denn entsprungen. Ich dreh mich zu ihr und seh sie an. Es gibt Menschen die das Leiden so personifizieren, dass sie quasi nur aus Leiden bestehen sich von Leiden ernähren, weil die Welt so schlecht ist, die Welt! die Welt!, die Schlechte. Anstatt dass sie versuchen irgendwas zu tun. Jammern ständig vor sich hin und wundern sich, dass sie den Leuten auf die Nerven gehen und haben dann gleich noch mehr zum Jammern.
Ich sage aus irgendeinem Grund: „Lass den Kopf nicht hängen.“
Ein Scheißfehler, ich knalle zur Strafe meinen Kopf auf die Theke. Genauso gut hätte ich sagen können:
„Bitte erzähl mir deine Lebensgeschichte, wenn’s geht dreimal hintereinander und recht ausführlich, weil ich bin betrunken und ein bisschen schwer vom Begriff.“
Das tut sie auch. Das ganze Programm, Mann tot, Kinder weg, Eltern schon lang nicht mehr, Job verloren, Hund überfahren usw. usw. Als sie fertig zu sein scheint, sage ich:
„Andere Menschen haben auch Probleme.“
„Ja, welche?“ fragt sie.
„Keine Ahnung“, sag ich, „weil die meisten behalten’s für sich und versuchen halt ihren Arsch irgendwie aus der Scheiße zu ziehen.“
Jede andere wäre bestärkt in ihrem schlechten Glauben von der Welt einfach gegangen um jemand anders ihr Leid zu klagen. Die hier war aber echt schwereres Kaliber. Sie fängt von vorne an, mit leichten Veränderungen in den Details. Jetzt sind die Kinder tot, der Mann ist weg, die Eltern überfahren und der Hund hat sie wegen einer anderen verlassen. Ich ziehe meine Jacke an und sage:
„Frohe Weihnachten, ich geh mal pissen, bin gleich wieder da.“ Dann zahle ich und mache dass ich da rauskomme. In meinem Suff übersehe ich draußen die Treppe, überschlage mich mehrfach und krache unten auf der Straße gegen eine Mülltonne. Welches Arschloch stellt denn an Heilig Abend Seine Mülltonnen raus? Hinter mir höre ich das Leiden Christi die Treppe herunter stapfen. In absoluter Panik flüchte ich in eine zufällige Richtung, und pralle wie eine Kugel im Flipper mal gegen eine Hauswand, gegen eine Laterne und ein oder zweimal gegen harmlose Passanten. Die Welt um mich herum verschwimmt in einem teuflischen Sud aus verwischter Weihnachtsdeko und totaler Finsternis. Dabei denke ich mir ein Liebesgedicht aus.

wind
weht
wühlt
warmer
winter
wind
dein
weiches
wohles
wunder
haar
durch
woher
wohin
seh ich nicht
egal
du bist
da

So und jetzt will ich tanzen. Ich gehe zu irgendeiner Disko und rüttle an der Tür, dann suche ich im Schein meines Feuerzeugs nach einer Klingel, verbrenne mir dabei die Finger und finde schließlich einen Zettel auf dem steht: „Tanzverbot“.
„Ihr Schweine“, brülle ich gegen die geschlossene Tür, „Ihr habt ja überhaupt keinen Anstand! Ihr verfickten Arschgeigen! Ich tanze wann ich will, weil tanzen ist dings, der Ausdruck von – ähm…“ an dieser Stelle breche ich ab und beginne wild auf der Straße herumzuspringen. In der Aufregung fällt mir kein Lied ein, also gröhle ich Lalala, bis ein Auto neben mir anhält. Mühsam entziffere ich das Wort „Polizei“. Es dauert ein bisschen, aber als das Auto zum dritten Mal hupt komme ich dahinter, dass die wohl irgendwas von mir wollen. Na gut, geh ich halt ums Eck und piss an die Mauer.

Das Auto fährt mir nach und hupt nochmal. Scheinbar darf man hier nicht pissen. Um sie zu besänftigen winke ich ihnen „Fröhliche Weihnachten“ zu und schaffe es dabei irgendwie mir auf die Hand zu pinkeln. Einer der Polizisten steigt aus.
„Du kannst hier nicht gegen die Kirche pissen.“
„Sorry“, sag ich „die hab ich echt nicht gesehen.“
Beide heben wir unseren Kopf zur Martinskirche, die wahnsinnig groß mitten vor mir steht. Das ist mir ein bisschen peinlich. Aber der Bulle ist wohl wegen Weihnachten die Liebe und Güte höchstpersönlich und er meint einfach, ich solle heimgehen und ruhig sein. Kleinlaut packe ich ein.
„Frohe Weihnachten“ sagt er, ich sag’s auch und strecke ihm die angepinkelte Hand hin. Er schüttelt sie kurz, dann geht er zum Auto und ich gehe in den nächsten Hinterhof und brülle vor Lachen. Dabei verschlucke ich mich und kotze Bier, Guiness, Wein, Glühwein, Punsch und diverse Schnäpse an die nächste Mauer. Gegessen habe ich scheinbar nichts.

Egal, da ist eine hell erleuchtete Tür und ich gehe rein, in der Hoffnung da drin gibt’s Bier. Ich kämpfe mich durch einen Haufen Leute und stehe plötzlich vor einer Bühne. Gerade steigt ein sichtlich angetrunkener Weihnachtsmann schwankend die Treppe hinauf, pflanzt sich breit vor das Mikrofon und brüllt: „Hohoho!“
Belustigt dreht sich das Publikum, das durchaus einen etwas gehobeneren Anspruch zu haben scheint, zur Bühne um und schaut nach, was es da an Erbaulichem zu sehen gibt, oder ob’s doch mehr zum Nachdenken ist. Mir kommt der Weihnachtsmann ein wenig komisch vor, weil er in der einen Hand eine Leberkässemmel hält. Er brüllt weiter:
„Was soll der Weihnachtsmann jetzt essen?“
Dabei zieht er zwei Dosen Katzenfutter aus einer Tasche. Die Leute sind ein bisschen irritiert. Er brüllt nochmal:
„Was soll der Weihnachtsmann jetzt essen? Lachs-Forelle oder Herz-Ragout?“
Mit leuchtenden Augen schreie ich zurück „Lachs-Forelle, Lachs-Forelle“, und der Weihnachtsmann gröhlt ins Mikrofon:
„Okay! Lachs-Forelle!“
Dann wirft er die Dose mit Herz-Ragout mit Schmackes in die Magengrube von irgendeiner Weltverbesserin in der ersten Reihe, sie geht zu Boden, aber ihr Freund hat gerade keine Zeit sich zu kümmern, weil er wie ein hypnotisiertes Karnickel auf die Bühne starrt. Dort sieht er, wie der Weihnachtsmann Lachs-Forelle aufreißt und sich auf den Leberkäse kippt. Dann stopft er diese widerliche Semmel mit den unförmigen Fleischbrocken in glitschiger Soße in seinen weißen Bart, grunzt dabei wohlig und kaut mit sichtlichem Genuss. Bröckchen hängen im gezwirbelten Weihnachtsmannschnauzer und Glibber klebt an seinem roten Mantel und immer wieder beißt er ab und meine Augen füllen sich langsam mit Tränen der Rührung und des Verstehens.
Dann grölt er wieder ins Mikrofon, dabei spuckt er kleine, schmierige Brocken ins Publikum:
„Der Weihnachtsmann erzählt euch jetzt einen Witz!“
„Ja, ein Witz!“, schreie ich begeistert, hinter mir drängen die Leute zum Ausgang.
„Also! Zuhören!“, sagt der Weihnachtsmann. „Kommt der Mann nach Hause und sagt zu seiner Frau: ‚Ich bin Heute zu müde zum Ficken, kannst du mir einen blasen?’ Sagt die Frau: ‚Ich bin auch so müde, wichs halt in ein Glas ich trinks dann Morgen.’“
Dann kommen zwei grobschlächtige Männer und zerren den Weihnachtsmann von der Bühne, woraufhin einer die halbgegessene Semmel samt Lachs-Forelle in die Fresse bekommt. Es folgt eine unschöne Szene, die die Unverwundbarkeit des Weihnachtsmanns gehörig in Frage stellt…

Aber egal. Das ganze ist Jahre her und wahrscheinlich nie passiert. Und dieses Jahr werde ich stocknüchtern mit meinem Sohn die Arche Noah von Playmobil auspacken und aufbauen. Die kann rollen und schwimmen. Und während wir kleine Plastiktiere paarweise auf das Schiff packen, werde ich mir folgende Frage stellen:
Angenommen: Gott, der Herr, schickt eine Flut, auf dass sie alle ersaufen mögen und aus einem unerfindlichen Grund gibt er mir und meiner Familie den Auftrag eine Arche zu bauen. Wen, außer meiner Familie würde ich noch mitnehmen?
Mein Es, mein Ich und mein Über-Ich stecken kurz die Köpfe zusammen und sagen dann wie aus einem Mund:
„Tiere. Ausschließlich Tiere.“