Vorfahrt

Ist beim Poetry Slam in Landshut nicht so toll angekommen.
Die Publikumsreaktion war nicht unerwartet, aber sehenswert.

Einer sagt: Die Hölle, das sind die anderen. Kluger Mann. Ich bin ja kein Philosoph. Ich weiß es nicht.
Und dann fährt mir dieses Arschloch voll rechts rein. Ein paar Kilometer außerhalb, Frühling, die Sonne scheint. Keine Bäume, keine Sträucher, überhaupt nichts. Nur Gegend. Ich hatte Vorfahrt, er fährt mir rein. Peng.

Ich steig aus und schau mir die Sache an. Meine rechte Seite voll zerdeppert. Sein Scheiß-Golf steht quasi mitten drin. Nicht dass ich mir viel aus Autos machen würde, nur, wie gesagt, ich hatte Vorfahrt.
Aber er war scheins gar nicht so schnell dran. Ich meine, er steigt einfach aus und glotzt. Ihm ist nix passiert. Mir ja auch nicht. Er hat seine Sonnenbrille auf. Furchtbar blasse Haut mit Pickeln. Jämmerlicher Bartflaum. Gelfrisur. Er nimmt die Sonnenbrille ab. Scheiße, diese Fresse. Keine zwanzig Jahre alt. Lauter Pickel. Die Sonne.
„Schon mal gefickt?“, frag ich ihn.
Er sagt: „Was?“ und schaut mich blöd an.
„Ich würd gern mal wieder ficken“, sag ich. Kurze Pause, dann: „Ist das dein Auto?“
„Wie? Nein, doch, schon meins. Jaja.“
„Zum Abitur gekriegt?“
„Was?“, sagt er.
„Vergiss es“, sag ich.
Ich hole die Zigaretten raus. Er starrt seinen Karren an und jammert vor sich hin. Vielleicht doch nicht sein Auto. Vielleicht gehört es seiner geilen Fotzen-Freundin, die so gern mal eine Ladung schluckt, die kleine Drecksau. So eine wär mir schon recht, die könnte noch was lernen.
Aber ich hatte Vorfahrt, so war das.
Ich sag zu ihm: „Ich hatte Vorfahrt.“
Er sagt: „Was?“
„Zigarette?“, frage ich ihn.
„Ja, gern.“
Ich halte ihm die Packung mit der Linken hin und als er hinlangt fängt er sich meine Rechte voll ein. Mitten in die Zähne. Ganz gerade von vorne. Sein Kiefer ist ganz schön hart, aber so ist das Leben. Und mein Schwanz ist es jetzt auch. Er sagt irgendwas, was ich nicht verstehe. Offensichtlich will er gleichzeitig losheulen und seine Zähne drin behalten.
„Was?“, sag ich. „Ich versteh dich nicht.“
Ich nehm ihn am Hinterkopf und halt mein Ohr ganz nah an seinen Mund und schreie noch mal „WAS?“, als wär ich taub oder so. Er spuckt mir Blut ins Gesicht. Meine Hand in seinen Haaren, dieses Scheißgel fühlt sich an wie frisch gewichst. Ich lass ihn sofort los und geb ihm noch eine Linke mit. Mit der Linken bin ich nicht so gut, da passiert nicht viel. Die Lippen waren ja vorher schon offen. Blut läuft aus seinem Mund. Und tropft auf den Boden. Wie Sperma aus der Muschi, nur rot.
Er hat sich jetzt gegen sein Auto gelehnt und hält sich den Kopf. Statt dem Mund. Was er sagen will, versteh ich immer noch nicht. Ich wisch mir meine Hände an seinem T-Shirt ab. Ein Marken-T-Shirt. Aber ich hatte Vorfahrt. Ich reiße es ihm vom Leib. Seine blanke Hühnerbrust. Ich packe seine Nippel und drücke sie zusammen. Er quiekt und macht eine Blutblase.
„Weißt du“, sag ich, „ich würd gern mal wieder ficken, irgendwie. Wär mal wieder toll, so ein Fick.“
Er sieht mich an – ich glaube er hat ein bisschen Angst.
„Keine Angst, Pisser, ich tu dir nix.“, sag ich und trete ihm seitlich gegen das Knie.
Da müssten jetzt sämtliche Bänder reißen, aber ich höre nichts. Bevor er zu Boden geht, pack ich ihn an den Ohren. Nicht so leicht mit dem vollgewichsten Kopf, aber ich hab ihn.
Ich seh ihm fest in die Augen, starre hinein, versuche hineinzukriechen in seinen Kopf, versuche irgendwas zu entdecken, aber ich finde nichts. Ich sehe nichts. Vielleicht weil ich einfach nichts sehe.
„Ist in mir deine Hölle und in dir die meinige?“, frag ich ihn. „Warum könnte ich kotzen, wenn ich einen von deiner Sorte sehe? Dabei kannst du gar nichts dafür, dass du zu denen gehörst. Du bist Herdenvieh. Schlachtvieh. Nichts weiter.“
Eigentlich traurig das Ganze. Aber ich habe den Eindruck, er hört mir nicht richtig zu. Ich breche ihm mit einem Kopfstoß die Nase. Meine Hose spannt. Ich denke an versaute Sachen. Bilder wanken vor mir hin und her, Bilder von nackten schwitzenden Leibern, Blut und Rausch. Alles pulsiert, alles durcheinander, es brennt, es spritzt. Überall Feuer, mein ganzer Kopf voll.
„Bist du das eigentlich wert?“, frag ich mitten in seine weit aufgerissenen Augen hinein. Ich spiegle mich ein bisschen darin.
„Bist du das überhaupt wert?“, schreie ich. „Kommst dir jetzt unglaublich wichtig vor, oder wie? Du meinst, du bist einer von den Unschuldigen, die jetzt büßen müssen und das Leid auf sich nehmen und so weiter. Ok, herzlichen Glückwunsch, du bist der Messias, du nimmst hinweg die Sünden der Welt. Hah!“
Dann reiße ich gleichzeitig seinen Kopf nach unten und mein Knie hoch. Sein Gesicht klatscht gegen meine Hose. Das Jochbein bricht krachend durch Hautfetzen. Blut spritzt und klebt. Mein Hirn vibriert. Meine Hoden sind zum Platzen gespannt, wie reife Tomaten.
Ich lasse ihn fallen. Er schlägt mit dem Gesicht auf und wimmert und gurgelt die Sonne an. Die ist gerade am Untergehen, die Welt um uns herum wird noch ein bisschen röter. Sein Mund ist ein bisschen geöffnet und mit dem ganzen Blut sehen seine Lippen aus wie eine Pflaume voller Saft. Es geht einfach darum, dass ich Vorfahrt hatte, nichts weiter.
Ich trete ihm in den Magen, dann gehe ich um ihn herum, und trete ihn in die Nieren. Und ins Rückgrat. Dann gegen den Hinterkopf. Er stützt sich plötzlich mit der Hand ab und richtet sich halb auf. Gurgelt. Mit dem einem Fuß fixiere ich die Hand, mit dem anderen ziehe ich voll durch, von Außen gegen das Ellenbogengelenk. Es kracht, Knochen brechen durch die Haut. Wieder spritzt Blut. Beinahe hätte ich ihm den Arm abgerissen.
Man hört jetzt keinen Laut mehr von ihm. Endlich Ruhe. Ruhe ist schön. Ruhe ist so schön … Dieses rote warme Licht, Sonnenlicht, die zarten Blüten, die gerade erwachten Pflänzchen auf den Feldern, das zaghafte Zwitschern der Vögel, die einsame Kreuzung mitten in der Landschaft, diese Ruhe. Warum ist diese Ruhe so selten?
Jetzt liegt er da, dieser Pisser, und atmet kurz und gurgelnd, Blut läuft aus seinem ganzen Kopf und aus dem offenen Oberarm. Die rote Lache glitzert um ihn herum, seine Hose ist nass. Ein kleiner Vogel kommt angeflattert und stakst durch den roten See. Als ich meine Hände hineintauche, fliegt er weg und ich schmiere mir das Blut von diesem Wichser ins Gesicht.
Die Blumen duften. Ich zünde mir eine Zigarette an. Ich nehme mir sein Handy aus seinem Auto und telefoniere kurz. Er atmet immer noch. Ich stecke ihm eine Zigarette zwischen die blutigen Lippen und zünde sie an.
„Magst du hinterher auch immer Eine rauchen?“ frag ich ihn.
Ich trete noch einmal auf seinen Schädel, es knackt. Ich sehe in die Sonne und schließe die Augen. Ich atme ruhig und bewußt. Ein und aus. Und ein, und aus.
Ich sage ihm, dass das halt so ist. Der Sieger brennt alles nieder und nimmt sich die Weiber. Ganz einfach ist das, sage ich zu ihm. Messias hin oder her. Tot ist tot, gefickt ist gefickt. Und Vorfahrt ist Vorfahrt.
Das Blut in meinem Gesicht trocknet langsam, verkrustet. Ich setze mich hin, rauche weiter und warte auf die Polizei.

One thought on “Vorfahrt”

  1. Ich muss was dazu sagen: Diese Geschichte ist der Wahnsinn. Aber Landshut denkt eventuell sehr ähnlich wie seine Zeitung. Und seine Zeitung wird geschrieben von Journalisten oder so. Auf jeden Fall Menschen, dafür bezahlt werden, über ihre seltsame Umwelt in Landshut zu lesen. Sie stehen dieser Welt sehr skeptisch gegenüber und halten sie für äußerst primitiv. Das dürfen sie aber nicht schreiben, denn sonst rufen viele Menschen in der Redaktion an und schimpfen. Dann kommt der Chef und schimpft weiter und droht. Sie müssen über Feuerwehr schreiben, wollen sie eigentlich verhöhnen, müssen sie aber loben. Sonst Chef böse.

    Ich habe mit ihnen gesprochen und sie sagen: (Ich würde jetzt gerne nasal reden) Also nein, dieser eine da, dieser wie heißt er? Dieser Linner, der ist einfach zu negativ. Also da hat mir aber der andere besser gefallen.

    Oder war es doch so, dass die Journalisten Feuerwehrmänner waren, und es das Feuerwehrauto war, das höhnte? Ich kann mich nicht mehr erinnern….

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