Heisenberg

Erstaunlicherweise scheinen weit weniger Menschen mit der Heisenbergschen Unschärferelation vertraut zu sein als angenommen. Deshalb hier ein kurzer Abriss. Das ist für das Verständnis von Heisenberg zwar nicht zwingend erforderlich, aber interessant.

Die Unschärferelation

Mit der nach ihm benannten Unbestimmheits- oder Unschärferelation führte Heisenberg etwas für viele Fachkollegen Ungewohntes in die Physik ein: das nicht Vorhersagbare. Die Heisenbergsche Unschärferelation besagt, dass sich bestimmte Eigenschaften eines Teilchens – wie etwa Ort und Geschwindigkeit – grundsätzlich nicht gleichzeitig exakt bestimmen lassen.

Der Grund hierfür, und auch dieser Ansatz war völlig neu, liegt nach Heisenberg auch daran, dass schon der Experimentator selbst die winzigen Elementarteilchen, die er untersucht, mit seiner eigenen Messung mitbeeinflusst.

Schon wieder dieser komische Typ. Heute will ich es wissen. Blaue Turnschuhe, dunkelbraune Kordhose, rotes Hemd mit Hawaiimuster, irgendwelche Blumen oder so und eine hellbraune Lederjacke. Passend dazu eine von diesen Sonnenbrillen, die oben rot sind und dann unten immer durchsichtiger werden. Als wäre er gern Brad Pitt, nur Verwechslungsgefahr besteht kaum. Seine Haare sind schwarz, fettig und gelockt, und die Schuppen springen einem mehr oder weniger aus fünf Metern ins Gesicht. Stellenweise unrasiert, Brusthaare quellen aus dem Hemd wie zum Beispiel irgendwelche ekligen Insekten, und einen Bierbauch hat er auch, muss sagen, Respekt.
Er sieht insgesamt mehr aus wie eine große Tonne mit Armen als wie ein Brad Pitt. Eine ungefähr ein Meter siebzig große Tonne, einen Kopf kleiner als ich. Alter kann ich schwer schätzen, er hat ja die Brille auf. Jedenfalls ein breiter Kopf, ein noch breiterer Hals und dicke, glänzende Lippen. Der könnte jetzt 35 sein, oder auch 25, je nachdem. Wenn er viel säuft, ist er vielleicht erst 25 und sieht aber aus wie 35. Aber Alter kann ich bei niemanden schätzen, da halt ich mich immer raus und schau in den Boden, wenn zum Beispiel eine Frau fragt, wie alt ich glaube, dass sie ist.
Scheiße, jetzt schaut er her, grade als ich sehen wollte, ob er hinkt, oder ob ich mir das eingebildet habe. Schnell drehe ich mich zum Regal und nehme irgendwas raus. Aha, denke ich mir und starre krampfhaft eine Dose Pfirsiche an. Soso, Pfirsiche. Er schaut immer noch her. Mal sehen, was da alles drin ist. Immer noch schaut er her. Wasser, Zucker, Pfirsiche, was du nicht sagst. Jetzt hat er sich umgedreht. Er geht komisch auf jeden Fall. Könnte auch sein, dass ein Bein kürzer ist. Oder Klumpfuß.
Auf jeden Fall geh ich ihm heute nach, weil ich endlich wissen will, was das für ein Typ ist. Zeit habe ich ja, und ein Dichter muss immer seine Mitmenschen beobachten und so weiter. An der Kasse ist er direkt vor mir. Er kauft eine Dose Ravioli und ein paar Dosen billiges Bier und noch ein wenig anderes Zeug und dann zählt er das Geld zehncentweise auf das Band. Normalerweise regt mich das tierisch auf, wenn jemand so rumtrödelt, aber jetzt schaue ich mir seine Hände genauer an. Die sind auch dick. Sehen aber nicht nach Arbeit aus, die Hände, aha. Kein Dreck unter den Nägeln, ganz glatte, aufgedunsene Babyhände. Soso. Ein Arbeitsloser womöglich. Plötzlich dreht er sich um und schaut mir direkt in die Augen. Das heißt, eigentlich fixiert er einen Punkt auf meiner Stirn. Beinahe sage ich „Hallo“, aber bin so verwirrt, das ich nur „Ha-“ sage, dann hat er sich eh schon wieder weggedreht. Ich zahle und gehe ihm nach nach Draußen.
Natürlich halte ich Abstand und tue so, als würde ich mir einfach die Gegend anschauen. Aber lange brauche ich ihn nicht zu verfolgen, er biegt einfach um die Ecke und klingelt. Wohnt also scheinbar direkt über dem Supermarkt. Praktisch. Als er drin ist, gehe ich eine Runde um den Block, dann, wieder bei seiner Tür angelangt, klingle ich irgendwo. Gegensprechanlage.
Eine männliche Stimme sagt „Ja?“.
Ich sage: „Ähm, hallo, ich bin von der, äh, Polizei“.
Scheiße, denke ich mir, Scheißdreck, erst denken, dann klingeln. „Ja, von der Polizei“, sage ich, vielleicht keine schlechte Idee, „ich muss bei ihnen, ähm, also im Haus … da muss ich -„.
„Ja?“, sagt die Stimme. „Was denn?“
Verzweiflung macht spontan, denk ich mir. Ich hoffe es. Oder besser, wenn man überhaupt je spontan wird, dann in der Verzweiflung. Oder wenn man in der Verzweiflung, wenn man da nicht wenigstens spontan wird, dann ist es zu spät.
Ich sage: „Machen sie bitte die Tür auf“.
Dabei gebe ich mir Mühe, möglichst bestimmt und trotzdem höflich zu wirken. Und bevor ich mir überlegen kann, was ich weiter sage, summt schon das Türdings, der Öffner.
Die Leute sind wirklich leichtsinnig. Da könnte ja jeder kom-men. Macht der einfach die Tür auf. Ts. So was. Egal, ich gehe rein und schaue mich um. Erstmal die Treppe rauf, unten ist ja das Geschäft. Erster Stock, ein langer Gang, viele Türen. Der reinste Wohncontainer.
Ich suche noch den Lichtschalter, weil es hier viel zu wenig Fenster gibt, da reißt rechts von mir jemand die Tür auf. Vor Schreck springe ich fast gegen die Wand.
„Haben sie geklingelt?“ fragt der Mann. Rasierter Kopf, durchtrainiert, und ein Bullterrier steckt den Kopf zwischen seinen Füßen durch um zu sehen wer da ist. Oh je. Hoffentlich ist der Mann nur halb so aggressiv wie er klingt, und der Hund vielleicht doch kein Bullterrier.
„Nein. Also, ähm, ja, haben Sie aufgemacht? Ganz schön leichtsinnig, da könnte ja jeder kommen, wissen sie, wenn sie einfach aufmachen“, sage ich, versuche selbstsicher zu wirken.
„Zeigen sie mir mal ihren Ausweis.“
Hmm, denk ich mir, guter Punkt. Mist.
Ich sage: „Ja, wissen sie, also den Ausweis, ähm, den habe ich beim Kollegen, im, also, im Auto.“
„Hauen sie ab, sonst hol ich die echten Bullen“, sagt der Typ und schmeißt die Tür zu. Aha. Und wie jetzt, wenn ich den nur vergessen habe und tatsächlich echt bin, hm? So ein Depp. Warum lässt er mich dann rein? Trottel. Aber ich rege mich nicht lange auf, bin ganz froh eigentlich.
Ich klingle an der nächsten Tür. Hab mir was überlegt. Einfach fragen.
Eine kleine Frau macht auf, Alter, wie gesagt, schwer zu sagen, ist aber jetzt auch egal. Hübsch ist sie, nur ein bisschen klein.
„Hallo“, sage ich, „kennen sie diesen Mann, also diesen kleinen dicken mit den fettigen Haaren, der müsste hier wohnen, ähm, hier irgendwo? Kennen sie den?“ Ich deute vage den Gang entlang, wo er wohnen könnte.
„Sie meinen den Heisenberg? Martin heißt der, glaub ich.“
Ich notiere mir das in mein Notizbuch. Habe ich immer dabei, bin schließlich Dichter. Also schreibe ich rein: Martin Heisenberg.
„Aha, Heisenberg. Und wohnt der hier? Kennen sie den?“
„Ja da, nächste Tür, da wohnt der. Mit seiner Mutter.“
„Ach“ sage ich. „Schau an. Und sein Vater?“
„Weiß ich nicht. Ist aber eine kleine Wohnung für einen Mann mit seiner Mutter. Die Wohnungen hier haben ja alle nur zwei Zimmer. Aber der ist ja nicht ganz dicht, wenn sie mich fragen. Der schaut immer so komisch und redet, als wenn er zurückgeblieben wäre oder so. Er spielt auch manchmal im Hof mit den Kindern. Das heißt, eigentlich verarschen sie ihn nur. Weil er halt zurück ist, ein bisschen. Er grinst meistens nur und oft sabbert er.“
„Aha“, sage ich und schreibe auf: retardiert, Fragezeichen. Als Sozpäd-Student weiß ich natürlich dass das nicht einfach zurückgeblieben heißt, sondern retardiert. Interessanter Fall. Ein Mutterkomplex. Vater weg, vielleicht ein Säufer. In meinem Kopf versammelt sich die ganze Familie Heisenberg und bohrt in der Psyche des armen Martin herum. Ich frage mich nur, wie der dann auf die Klamotten kommt, die er immer anhat. Ob die seine Mama …?
„Kauft ihm seine Mutter die Kleidung?“ frage ich.
„Woher soll ich denn das wissen?“ sagt die Frau. Da hat sie natürlich recht. Ich frage weiter: „Wissen sie sonst noch was über ihn?“
„Nein, eigentlich nicht. Seine Mutter ist auch recht komisch. Fürchterlich hässlich. Ich meine, er ist ja auch nicht hübsch. Mit diesen schleimigen Lippen, wenn er dann so grinst. Na ja. Man soll ja nicht so nach dem Äußeren gehen, oder? Wer sind sie denn überhaupt? Hat er was angestellt?“
„Neinein, hat er nicht, also nicht dass ich wüsste.“ Eine unangenehme Pause entsteht. „Also, äh, ich bin von der Dings, puh, vielen Dank, ich muss jetzt eh gleich weiter. Tschau.“
Schnell gehe ich zurück in Richtung Treppe und warte bis die Frau die Tür zugemacht hat. Dann gehe ich wieder vor. Heisenberg. Soso. Auf dem Namensschild steht: Jokaste Heisenberg. Seltsamer Name, muss wohl seine Mutter sein. Erst klingeln, dann denken. Nein! Falsch! Zu spät, hab schon geklingelt. Verdammte Scheiße.
Die Tür geht einen Spalt weit auf, weil eine Sicherheitskette eingehängt ist.
„Hallo?“ Sagt der fettige, runde Kopf von unten herauf durch den Spalt zu mir.
„Hallo? Martin? Kennst du mich noch?“ sage ich. Verzweiflung macht spontan. Das heißt aber auch ganz anders. Not macht erfinderisch, so heißt das. Egal.
„Ja klar“, sagt er plötzlich „komm nur rein.“
Da bin ich perplex. Ich kenne den ja nicht. Er scheint mich zu verwechseln. Er macht die Tür zu, man hört ihn die Kette lösen und dann macht er auf und ich gehe rein. Scheißescheiße. Mir ist gar nicht gut.
„Wer ist denn da“ keift es plötzlich von irgendwo her.
„Der Horst“ schreit er zurück. Ich heiße nicht Horst, das sag ich ihm aber nicht.
„Und was will der hier?“, keift es weiter. Muss seine Mutter sein, aber die Stimme hört sich seltsam an.
„Weiß ich nicht, was trinken vielleicht.“
Die Garderobe ist sehr klein und überall hängen Jacken und Män-tel. Scheinbar Frauen und Männerjacken gemischt, alle ziemlich kurz, seine Größe eben, dafür um so breiter. Schuhe genauso. Lauter breite Treter, alle die gleiche Größe, ungefähr zumindest. Sauber ist es hier, aber unordentlich. Naja. Links die Tür zur Küche, da sieht es furchtbar aus, alles voller Teller und Tassen, riecht auch komisch, das muss der gelbe Sack mit den vielen Bierdosen sein, rechts wahrscheinlich die Badtür, geradeaus ist das Wohnzimmer. Und die letzte Tür ist vermutlich die vom Schlafzimmer, wo seine Mutter drin liegt und keift.
„Du sollst nicht immer irgendwelche Leute zum saufen mitbringen“ keift es wieder.
„Wir saufen ja nicht, Mama“, sagt er. Während des ganzen Gesprächs mit seiner Mutter hat schaut er von mir weg. Also wäre ich jetzt eine nackte Blondine unter der Dusche, dann würde ich schön langsam Schiss kriegen. Weil sich die Stimme von der Mutter auch so komisch anhört. Naja.
„Komm rein“, sagt er, und wir gehen ins Wohnzimmer. „Magst was trinken?“
„Äh, nein, ich hab nicht viel Dings, also ich bleib nicht so lang. Zeit. Keine Zeit.“ Jaja, das hört sich alles sehr locker an, als wäre ich ein alter Freund, der ihn nur mal besuchen will und dann doch keine Zeit hat. Supergeschichte, so ein Mist. Hoffentlich ist er zurückgeblieben genug, dass er mir das abnimmt.
„Wie geht’s dir denn?“, fragt er.
„Ja, also gut, eigentlich. Danke.“ Ich hole Luft und lehne mich ein bisschen zurück um zu zeigen, dass es mir gut geht und so. „Und wie geht’s dir? Und deiner Mama?“ sage ich total ungezwungen, haha.
„Meiner Mama geht’s wieder schlechter. Sie kann halt nicht so. Muss viele Tabletten nehmen, ja. Viele. Ich muss ihr viel helfen. Weil die vom Amt auch sagen, so geht das nicht. Das Amt, jaja, die Beamten. Wir können nicht immer nur kassieren, weil ich bin ja gesund. Das sagen die. Bin ja gesund, soll halt arbeiten. Nicht immer nur kassieren, sondern arbeiten. Kann ja arbeiten, bin ja gesund.“
Sieht mir nicht danach aus, denke ich bei mir. Er hat jetzt keine Sonnenbrille mehr auf, sieht tatsächlich ganz schön versoffen aus. Wie ein Biertrinker, dick und aufgeschwemmt. Schnapssäufer sind ja eher dürr und grau, Weintrinker insgesamt eher rot, der Martin hier trinkt eindeutig zu viel Bier.
Und das ganze Wohnzimmer ist, abgesehen von dem Tisch an dem wir jetzt sitzen, ganz hinten im Eck, also abgesehen davon, ist alles vollgestellt mit Regalen voller Modellbagger. In allen Formen und Größen, meistens gelb. Wenn mir das mal nicht eine Objektbezogene Schizophrenie ist. Vielleicht war sein Vater Baggerfahrer. Oh Mann, da kann man aus der Wohnung schon eine Sozialprognose schreiben, dass er für Jahre weggesperrt wird. Außer den Modellbaggern scheint es hier nur noch Duftlampen zu geben, in allen Farben und Größen, alle alt und verklebt und die Teelichter einfach in die Reste von den alten Teelichtern reingestellt.
„Was fehlt denn deiner Mama?“ frage ich.
„Das weißt du doch. Seit der Papa tot ist. Es geht ihr halt schlecht, sie ist so traurig. Muss sie immer trösten. Jaja, seit der tot ist, sind wir recht allein. Mhm. Ganz allein.“
„Ach. Der ist tot“, sage ich.
„Ja sag einmal, was haben sie denn mit dir gemacht“, sagt er und kichert vor sich hin. Scheinbar kommt ihm mein Verhalten schön langsam seltsam vor. Ja, es hat ja auch einen Grund, warum ich kein Schauspieler bin, sondern Sozpäd-Student.
„Ja, weißt du, das ist alles so lang her.“ sage ich, gerade noch die Kurve gekriegt, hoffe ich.
„Das stimmt“, sagt er. „Lange her.“ Er schaut ein bisschen ins Leere. Seine Stimme ist auch komisch. Als wäre er im Stimm-bruch. Quietscht ein bisschen wie eine alte Schranktür. Naja, vielleicht nicht ganz, auf jeden Fall komisch. Und während er redet, wandern seine Augen ziellos durch mein ganzes Gesicht. Springen die ganze Zeit hektisch hin und her. Von meinen Augen auf meine Ohren, rechts, links, dann Mund, Kinn, Nase und plötzlich dreht er wieder den Kopf und sieht so aus, als ob er horcht, ob jemand was sagt. Auf dem Tisch, an dem wir sitzen, liegen ein paar Rätselhefte, Kreuzworträtsel und so Sachen. Plötzlich steht er auf und geht in die Küche. Da keift wieder seine Mutter:
„Ist der immer noch da?“
„Ja, der Horst ist noch da“, sagt er aus der Küche.
„Sauft nicht so viel, esst lieber was. Frag ihn ob er was essen will.“
„Ja, Mama“, sagt er.
Ich blättere in bisschen in einem Rätselheft um mich von dieser seltsamen Stimme abzulenken und fast erwarte ich dass die Rätsel gar nicht richtig ausgefüllt sind, sondern nur die Kästchen vollgeschmiert. Mit so Sachen wie ICHICHICH oder BLUTBLUTBLUT. Aber Gott sei Dank, alles normal. Alles komplett gelöst.
Er kommt wieder aus der Küche und hält mir eine Schüssel hin.
„Magst du Kekse?“, fragt er.
„Nein, danke“, sage ich schnell, die Schüssel ist mit irgendwas verkrustet. Er setzt sich und stopft sich Butterkekse in dem Mund. Bröselt alles voll. Mampft und redet aber weiter.
„Haben sie dich auch gestromt?“, fragt er.
„Äh, wie? Was? Wie meinst du das?“
„Naja, so wie die anderen immer, im Krankenhaus. Das haben sie mit mir ja nicht gemacht. Gott sei Dank. Da reichen Tabletten, haben sie gesagt. Mir geht’s ja auch gut. Die haben mich nicht stromen müssen. Bin ja gesund. Muss nur die Tabletten nehmen, dann passt das schon. Ich hab ja auch was zu tun, kann ja nicht im Heim rumliegen. Jetzt wo ich der Mann im Haus bin. Muss ja da sein. Mich kümmern.“
Aha, denk ich. Kümmern. Naja, viel gekümmert sieht das ja hier nicht aus. Bierdosen, Saftpackungen, Fernsehzeitschriften, die Rätselhefte, alles durcheinander. Fetzen von Geschenkpapier sind sauber geglättet auf dem Tisch gestapelt, an dem wir sitz-en. Auch komisch. Aber ich reiße mich los und frage noch irgendwas.
„Ähm, also, was war jetzt da eigentlich mit deinem Vater. Also ich meine, was war da, äh, genau, weil, hm, so genau hast du mir die Geschichte nie erzählt, glaub ich. Kann mich nicht erinnern, ist ja lang her“
„Einen Unfall hat er gehabt. Ist doch von der Brücke gefallen, besoffen. Ich hab ihn auch nicht mehr halten können. Hab nur noch seine Jacke in der Hand gehabt. Einfach übers Geländer, platsch. Er ist ja keine Ente, also ersoffen. Und besoffen war er auch noch. Platsch und weg. Hab ihm nachgeschaut mit der Jacke in der Hand. Da haben sie mich gleich eingepackt und eingesperrt. Aber mit den Tabletten fehlt mir nix. Ich bin ja gesund und meine Mama hab ich auch noch. Alles okay, sagt der Doktor. Einfach ins Wasser gefallen, platsch. Wie ein Stein.“
Soso, Unfall, denk ich mir. Aha. Ja, freilich. Aber Moment, jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht paranoid werde.
Hin-ter seinem Kopf an der Wand hängt ein Poster von einer Sphinx. Mit so komischen Farben, psychedelisch. Passt nicht zu ihm, genauso wenig wie diese Brad-Pitt-Verkleidung. Jetzt hat er ja einen grauen Trainingsanzug an, mit reichlich Flecken drauf. Das will ich jetzt wirklich null wissen, was das genau für Flecken sind. Ich meine, so ein einsamer Mensch, wie wird sich der schon Flecken auf die Trainingshose machen. Igitt. Lieber noch was fragen.
„Und wann war das gleich wieder?“
„Vor fünf oder nein, sechs, sieben Jahren. Ungefähr. Dann sind wir doch umgezogen. Ich und die Mama. Hier her. Schöne Wohnung. Da gibt’s nette Kinder. Und das Geschäft gleich unten. Das ist praktisch. Treppe runter, einkaufen, Treppe rauf, daheim. Schön. Viel kauf ich eh nicht. Das bisschen für mich und die Mama. Der Papa hat immer viel gebraucht, viel Bier. Und die Treppe hätte ihm sicher gefallen. Ich bin ja oft die Treppe runtergefallen als Kind. Drum haben die ja geglaubt, dass das nicht so war. Wie ich da am Geländer gestanden bin mit der Jacke. Da haben die gleich gemeint. Weil ich doch auch mit dem Fuß, der ist ja kaputt. Aber ich weiß das gar nicht mehr so genau. Vielleicht die Mama. Die weiß vielleicht noch, wie das war. Aber wir brauchen ja nicht viel. Ein bisschen was einkaufen, das geht schon.“
Naja, das bisschen literweise Bier, denk ich bei mir, und das bisschen Essen, ich meine, von alleine wird man ja nicht so dick, irgendwer muss das ja kaufen und rauftragen. Aber vielleicht geht er ja öfter am Tag. In seiner komischen Verkleidung. Irgendwie ist mir hier überhaupt das Ganze sehr komisch. Beim reden läuft ihm Speichel aus dem Mund. Am Mundwinkel bilden sich kleine Schaumbläschen. Die Hände hält er gefaltet im Schoß und wippt ein bisschen vor und zurück, wenn er erzählt. Mir geht’s hier gar nicht so gut, ich meine, das wäre super, wenn ich jetzt irgendwie unauffällig den Absprung schaffen würde. Not macht erfinderisch. Na hoffentlich. Not ist da, immerhin ist mir schlecht, muss ich nur noch erfinderisch werden.
„Kann ich mal aufs Klo?“ Naja, besonders einfallsreich war das nicht, aber immerhin. Vielleicht gibt’s ja noch Hinweise auf dem Klo. Irgendwas. Klo ist da immer interessant.
„Jaja, geh nur“, sagt er, „magst du nicht doch ein Bier?“
„Nein, danke, ich muss dann eh wieder los“, sage ich und wedle mit der Hand Richtung Mickymaus-Uhr, die an der Wand hängt. Dann aber schnell ins Bad.
Ein ganz kleines Bad haben sie hier, auch vollgestellt mit Regalen und einer Waschmaschine und einem Trockner oben drauf, ein großer Korb mit schmutziger Wäsche, hier riecht es jetzt aber wirklich nicht gut, pfui Teufel. Aber alles normal. Als ich in die Schränke schaue, sehe ich einen Haufen Medikamente, die ich alle nicht kenne. Antidepressiva steht drauf, Sedativa, Blahblahtiva, Aspirin und so weiter. Ein paar so Kaufhaus-Medikamente auch, Johanniskraut-Dragees, Hopfen-Zeugs und so weiter. Ein ganzes Fach voller Binden, große dicke, nicht solche wie sie immer Werbung machen. Einwegrasierer, ein Ladyshave. Und so weiter. Das ganze Zeug halt. Ein riesiger Fleischfarbener BH samt Unterhose hängt über der Heizung. Wenn man das ansieht, was da hängt, und an den Ladyshave denkt, da kanns einem auch mehr oder weniger vergehen.
Ich setze mich aufs Klo und pinkle ein bisschen vor mich hin. Mir ist hier tatsächlich gar nicht wohl, muss ich sagen. Überhaupt nicht. Alles so voller sinnlosem Zeug in dem Wohn-zimmer, Spielzeugbagger, Stofftiere und Rätselhefte, Vorhänge mit knallbunten Blumenmuster und das sinn-loseste ist er selber und redet die ganze Zeit, stopft sich Kekse in den Mund, säuft und löst Kreuzworträtsel.
Aber ich weiß ja jetzt eh schon genug, da kann ich schon eine schöne Geschichte schreiben. Wenn ich fertig bin mit pinkeln, gehe ich sofort. Mir gefällt das hier nicht. Draußen höre ich Stimmen, scheinbar redet er schon wieder mit seiner Mutter. Aber ich verstehe nicht, was sie sagen. Sie ist jetzt nur sehr laut, scheinbar geht ihr was auf die Nerven. Vermutlich ich.
Ich muss plötzlich daran denken, wie ich damals, gerade frisch von meiner Freundin vor die Tür gesetzt, bei einem Pärchen zu Besuch war. Da war ich dann auch auf dem Klo und da schwamm ein gebrauch-tes Kondom drin. Das habe ich deutlich sehen können, dass das gebraucht war, scheiße, echt. Das ist das Letzte, wenn du gerade Liebeskummer hast, dass dir deine beknackten Freunde noch ihre gebrauchten Pariser unter die Nase reiben. Das hab ich denen dann auch gesagt.
Ich stehe auf, zieh mich an, drück den Spülknopf und denk mir, nein, das kann nicht sein. Das habe ich nicht gesehen. Ich habe das hier nicht gesehen. Das war ein Stück Klopapier oder so. Wirklich. Das war sicher kein gebrauchtes Kondom, was da jetzt gerade im Klo hinuntergestrudelt ist. Kann nicht sein. Ehrlich nicht. Draußen zetert die Mutter weiter und hier herinnen macht die Einbildung die Leute krank. Mich jetzt zum Beispiel auch. Mir ist total schlecht.
Auf dem Trockner liegt etwas, das aussieht wie ein ausgefranster Pelz. Ich nehme es herunter und denke mir dabei stur: neinein, das ist keine Perücke. Ich bilde mir das ein. Kon-dome, Perücken, dicke Binden, toter Vater, geisteskranke Mutter, das passt ja gar nicht zusammen. Ich bilde mir das alles ein. Das passt hinten und vorne nicht.
Aber so viel denke ich gar nicht, weil ich sofort aus dem Klo springe, fast durch die geschlossene Tür, dann bilde ich mir weiterhin ein, dass die Schlafzimmertür offen ist und eine nackte Frau drinsteht und keift. Eine dicke, nackte Frau. Das soll niemanden diskriminieren, aber dass man manche Menschen einfach nicht nackig sehen will, das darf man wohl sagen. Ich schreie „Servus!“ und bilde mir ein, dass die nackte Frau mit Martins Stimme auch „Servus“ sagt. Als ich die Wohnungstür aufreißen will, bilde ich mir ein, dass es furchtbar kracht, weil die Kette vor ist, dass die nackte Frau aus dem Schlafzimmer kommt und mir hilft sie wegzumachen. Dann bilde ich mir noch ein, dass die Wohnung sonst absolut leer ist, und dass die Mutter wirklich dem Mar-tin sehr ähnlich sieht, sogar die fettigen Haare, oder ich bilde mir lieber ein, dass Martin im Wohnzimmer sitzt und fernsieht und Bier trinkt. Aber die Kette ist jetzt weg, ich haue aus Versehen der Martin-Mutter die Türe ins teigige Gesicht, das wollte ich wirklich nicht, sie quietscht, oder er, oder ich bilde mir das auch noch ein.
Beim Rausrennen schwöre ich mir bei meiner eigenen Mutter, dass ich mir erstens niemals mehr in meinem Leben solche Sachen über meine Mitmenschen einbilde, und seien sie auch noch so komisch, und zweitens werde ich nie, nie mehr, in meinem ganzen Leben einen Fuß in diesen Supermarkt oder – Gott bewahre – in dieses Haus setzen. Das schwöre ich, hoch und heilig, bei dieser verdammten Haustüre, gegen die ich gerade poltere, weil ich die Treppe hinunter geflogen bin, und ich schwöre es bei der Dose Pfirsiche die ich vorhin gekauft habe.

Siehe auch hier: zu Heisenberg