Sie sind traurig

Eingereicht zu einem Wettbewerb mit Thema „Engel“.

Das ist doch dein Kind da, sieh doch hin, sage ich zu ihr.
Aber sie hört natürlich nicht was ich sage. Aber sie sieht auch ihr Kind nicht, die Lisa. Sie hat ein Bild gemalt, wie es kleine Mädchen halt so malen. Ein krakeliges Pferd und eine kleine krakelige Gestalt daneben. Lisa und ihr Pferd wird das wohl sein. Wie die kleinen Mädchen immer da drauf kommen, dass sie ein Pferd haben wollen ist mir nach wie vor ein Rätsel. Aber naja.

Und man muss auch zugeben, es gehört schon viel Phantasie dazu, das Pferd zu erkennen. Geschweigedenn das kleine Mädchen daneben. Aber die Mutter sieht eh nicht hin, hat Lisa gar nicht bemerkt, weil sie sich nämlich umdreht und fast über sie drüberfällt. Da schimpft sie und sagt sie soll in ihr Zimmer gehen, aufräumen. Lisa geht in ihr Zimmer, ich bleib noch ein bisschen sitzen in der Küche. Da wird rumgeräumt und gleichzeitig wird angefangen zu kochen, zwischendurch werden Reste von Mittag weggeräumt, aber durch das hin und her haut das natürlich nicht so recht hin. Also brennen halt die Schnitzel an. Dafür sind es mal wieder die Friteuesen-Pommes die im Backofen nicht richtig was werden und einen Salat gibt’s doch nicht weil keiner da ist. Der liegt noch an der Kasse im Supermarkt, ich habs gesehen.
Die Lisa spielt in ihrem Zimmer. Vorher hat sie aufgeräumt und als sie fertig war hat sie wieder eine von den Schachteln rausgeholt und spielt damit. Mit so komischen Pferden aus Plastik. Das ist jetzt aber Zufall, weil sie hat schon auch anderes Spielzeug und Bücher, soger eine kleine Ritterburg, die aber mehr weil der Vater halt als Kind keine hatte. Aber Lisa spielt manchmal auch damit. Heute mit den Pferden. Die kleine Lisafigur reitet mit dem Plastikpferd über die Blumenwiesen oder wie auch immer. Was Kinder halt so spielen. Schon zum Zusehen ist das.
Dann kommt der Vater heim und Lisa hält sich still, weil der immer recht angefressen ist von der Arbeit. Dann kommt die Mutter und holt Lisa zum Essen. Sie schimpft natürlich weil erst der Vater geschimpft hat weil er so sauer ist von der Arbeit und weils die falschen Pommes sind und die Schnitzel verbrannt und alles klebt noch von Mittag. Sie schimpft weil Lisa nicht aufgeräumt hat, was aber nicht stimmt, sie hat schon aufgeräumt, nur hat sie halt wieder angefangen zu spielen, weil ihr das rumsitzen in einem aufgeräumten Zimmer einfach zu langweilig ist. Also muss sie aufräumen und darf erst dann zum Essen.
Jetzt mag sie doch ihren Vater sehen und beeilt sich mit dem aufräumen. Dann geht sie in die Küche und verzieht das Gesicht weil das Schnitzel so schwarz ist und komisch riecht. Da rennt sie aber dem Papa ins offene Messer. Sie muss das halt aufessen weils so teuer ist und sie eh so viel Geld kostet mit dem Kindergartenscheißdreck undsoweiter.
Also bleibt sie halt noch lange sitzen und kaut auf dem kalten Schnitzel rum als die beiden schon beim Fernsehen sind. Ich bleibe bei ihr sitzen und sehe ihr zu. Sie macht sich ein Spiel draus irgendwie schafft sie das, und so lächelt sie sogar zwischendurch. Alle fünf Minuten kommt der Vater rein und schimpft, dass sie noch nicht fertig ist, und dass sie keine Geschichte vorgelesen kriegt. Als ob ihr der in den letzten zwei Jahren einmal was vorgelesen hätte. Die Mutter hat auch irgendeinen Grund zum Rumschreien, keine Ahnung. Da höre ich schon lang nicht mehr zu, es ist immer das Gleiche. Weil er so besoffen ist, das ist eins von den Lieblingsthemen. Obwohl sie selber genauso besoffen ist. Aber sie säuft halt heimlich und er kriegts nicht immer mit.
Irgendwann muss Lisa dann doch ins Bett, sie bekommt noch eine gewischt weil das Schnitzel weggeworfen werden muss und andere Kinder haben gar nichts zum Essen blahblah. Dann bekommt sie noch eine gewischt weil sie schreit und weint. Dann schluckt sie’s runter und geht alleine ins Bett weil die beiden keine Lust haben Sie ins Bett zu bringen. Sie liegt im Bett mit ihrem dünnen blauen Schlafanzug, der war halt billig.
Leise betet sie. Ich bin klein, mein Herz ist rein, die Mama soll recht glücklich sein. Amen. Dann sieht sie an die Decke. Sie ist ein erstaunliches Mädchen für vier Jahre. Sie kann viel schlucken. Und das Meiste was sie kann hat sie selber rausgefunden.
Später kommt dann nochmal der Papa und schmiert ihr noch eine, wiel der Rollo noch offen ist. Sie hätte ihn halt holen sollen. Das wollte sie nicht, weil da hätte sie garantiert gleich eine mitbekomme, aus irgendeinem anderen Grund.
Ich würde ihr gerne ein Lied singen aber sie hörts ja nicht. Als sie dann nach langer Zeit endlich schläft tue ich so als würde ich ihr Haar berühren, dann höre ich noch zu wie die beiden erst streiten und später bumsen. Dann sind sie heute gar nicht so besoffen scheints.

Am Morgen bekommt sie eine Semmel und Nutella, streichen muss sie selber weil sie halt nicht von alleine und mit einem Lachen auf dem Gesicht aus dem Bett hüpft, sondern sie ist müde und ein bisschen grantig. Also macht sie sich halt die Semmel selber und ist allgemein recht quengelig. Dann zieht die Mutter sie an und sagt sie muss alleine in den Kindergarten gehen weil sie keine Zeit hat. Wird halt wieder den Nachbarn vögeln müssen oder rumsitzen und Schnaps trinken. Mit vier Jahren schickt sie die Kleine zum Kindergarten. Das geht normal gar nicht, weil man muss Außen an der Kindergartentüre auf den Türöffner drücken und der ist so hoch da kommen Kinder gar nicht hin. Drum muss Lisa auf einen Erwachsenen warten. Aber irgendwie ist sie heute so spät dran dass keiner mehr kommt. Dann geht sie halt das kleine Stück wieder nach Hause und noch ums Eck zur Wiese. Weil heimgehen mag sie jetzt nicht, da bekommt sie nur wieder eine gewischt.
Also spielt sie mit ihrem Plastikpferd, und reitet über die Wiese. Wenn die Mutter aus dem Fenster sehen würde könnte sie sie sogar sehen. Tut sie aber nicht. Sie sieht sie ja gar nicht wenn sie vor ihren Füßen rumläuft.
Und Lisa sieht auch nicht, dass der Zug kommt. Sie wusste zwar dass Gleise gefährlich sind, hats aber irgendwie vergessen. Dann fliegt sie plötzlich über die ganze Wiese bis fast ans Haus. Der Zugführer springt aus der Lok aber der muss ganz schön weit laufen weil der schwere Zug so lange gebraucht hat bis er endlich gestanden ist. Ich bin bei Lisa und sehe wie sie in den Himmel schaut. Ich habe nie mitbekommen dass sie sich jemals über irgendwas beschwert hätte, vielleicht war sie da auch noch zu klein. Sie schient keine Schmerzen zu haben, wahrscheinlich ist das Rückgrat ab, dann spürt sie nichts mehr. Plötzlich rennt die Mutter schreiend aus dem Haus. Fuchtelt mit den Armen rum und heult und brüllt. Sie bleibt in ein paar Meter Entfernung stehen und schreit Lisa Lisa. Als Lisa die Augen schließt nehme ich sie aus ihrem zerschmetterten Körper und trage sie zu ihrer Mutter.
Engel sind ganz anders als du denkst. Sage ich zu ihr. Und zu ihrer Mutter sage ich:
Engel sind traurig.