Warum läuft Herr R. Amok

Alfred Hitchcock hat einmal den Unterschied zwischen Schock und Suspense erklärt wie folgt:
Wenn sich zwei Männer an einem Tisch zwanzig Minuten über Baseball unterhalten und plötzlich explodiert ein Koffer unter dem Tisch, das ist Schock. Wenn der Zuschauer weiß, dass unter dem Tisch ein Koffer mit einer Bombe steht und die Männer unterhalten sich zwanzig Minuten über Baseball bevor der Koffer endlich hochgeht, das ist Suspense.
Soviel vorneweg.
Der Film heißt „Warum läuft Herr R. Amok“ und man sieht Eineinviertel Stunden zu, wie sich Herr R. unspektakulär durch sein Leben kämpft. Das heißt eigentlich kämpft er gar nicht. Man merkt vielmehr deutlich, dass er nicht einmal einen Ansatzpunkt findet um die Belanglosigkeit seines Lebens auszuhebeln. Rührend sind seine Versuche es sich schön zu machen. Unbeirrbar versucht er zwei kichernden (ihn auslachenden) Mädchen in einem Plattengeschäft klarzumachen welchen Schlager er meint, er singt ihnen den Anfang vor. Er meint, seiner Frau hätte das Lied so gut gefallen, er würde ihr eine Freude machen. Bevor sie dann ihrerseits ihm am Abend eine Freude machen will trinkt er seinen Cognac aus und starrt ins Leere.
Ich fürchte ich kann nicht genau umreißen worum es geht. Dazu fehlen mir die Begriffe. Es geht um Normalität, aber was ist normal? Was ist banal, wer ist ein Spießer? Wer bin ich schon um zu behaupten, ich wüsste was Freiheit bedeutet.
Ist Herr R. selbst schuld, dass er in seiner Arbeit nicht vorwärts kommt? Er bemüht sich auf einer Betriebsfeier vergeblich um eine Art Zwischenmenshclichkeit indem er nach einer betrunken vorgestotterten Rede seinen Chef auffordert Brüderschaft zu trinken. Das ist eine der dramatischsten Szenen, alles andere ist die quälende Trägheit der Existenz. Das Strampeln in der Tretmühle, von der man selber nicht weiß, wo die eigentlich herkommt. Es ist natürlich alles halbweg abgesichert, man hat sein Auskommen, man streitet sich mit der Schwiegermutter, der 8jährige Sohn ist nicht gut im Rechnen und die Frau erzählt den Nachbarinnen von der ausstehenden Beförderung.
Eine der Nachbarinnen erzählt später ausgiebig von ihrem Skiurlaub, worauf R. aufsteht, und erst sie, dann seine Frau und seinen Sohn mit einem Kerzenständer erschlägt. Nicht ohne vorher die Kerze anzuzünden. Tags darauf erhängt er sich in der Toilette seines Büros. Ein unmittelbarer Ausbruch, ohne äußere Ursache, ohne Äußere Regung, so wie R. den ganzen Film über verschlossen und starr durch sein Leben geht.
Es gibt eine Menge hintergründige Anspielungen die Blicke hinter die psychologischen Kulissen des versteckten Dramas gewähren. So hat R. keinen Führerschein, seine Frau muss fahren, verursacht aber des öfteren Unfälle. Der Sohn hat einen Sprachfehler, sprich eine Kommunikationsstörung. Viele dieser Dinge sind mir vermutlich entgangen.
Auffällig ist die dokumentarische Art der Kameraführung. Meistens verwackelt und in langen Einstellungen wird die (Hand)kamera um die Akteure herum- und sehr nahe an sie herangetragen. Und oft sind die im Bild, die im Moment gar nicht am Gespräch beteiligt sind. Man möge daraus lernen, dass nicht immer der wichtig ist, der gerade das Maul aufreißt. Das was die Figuren von sich geben ist im übrigen geprägt von Lebenslügen, Phantastereien, versteckten Aggressionen und arrogantem Vortrag von profanen Allgemeinplätzen. Es wird Interesse geheuchelt wo es nur geht um dann seinerseits Interesse für den eigenen Vortrag zu erhalten. Man möchte fast daran denken wie Affen sich lausen.
Jedenfalls ein höchst verstörender Film, ein kafkaesker Finger, der in eigene offene Wunden drückt. Normalität wird zur Banalität, Existenz wird zum sinnlosen Gestrampel, ständiges Schlucken und Anpassung bis zur Selbstaufgabe kulminiert im finalen Ausbruch dumpfer Wut.
In einer Szene hat R. Besuch von einem Schulfreund und stimmt mit ihm ein Kirchenlied an:
An wen soll ich mich wenden
wenn Angst und Schmerz mich quält