Zirkus

Ich bin im Zirkus. Keine Ahnung, was ich mir dabei gedacht habe. Eine Scheißidee. Es gibt eine Zirkusdirektorin. Aha, denk ich, Emanzipation beim fahrenden Volk, sieh mal an.

Die Vorstellung ist langweilig. Ich bin stinksauer. Kein Tiger frisst irgendwen und die Turnerinnen sind alle angezogen. Bei der Nummer mit den dressierten Pudeln kotze ich beinah. Und jetzt die Krönung. Der Clown. Da fällt mir die Geschichte aus dem Radio ein.
Da war ein berühmter Clown mit Namen Poppo oder Peppo oder Deppo oder was weiß ich wie diese Idioten immer heißen. Jedenfalls Abendvorstellung, aus irgendeinem Grund bricht sich der Typ was. In der Manege. Das Publikum tobt und lacht sich kaputt. Aber darum gehts nicht, obwohl das auch lustig ist. Er wird ins Krankenhaus gebracht. Es ist Freitagnacht, Notaufnahme. Lauter Betrunkene. Einer der Betrunkenen, der mit einem Auto gegen einen Baum gekracht ist, wird in das Zimmer zu dem Clown gelegt. Als er nachts aufwacht ist das erste was er sieht, im Bett neben sich ein Clown in voller Montur mit Schminke und allem. Der Typ fängt an zu brüllen wie am Spieß, weil er glaubt er ist gestorben und in der Hölle gelandet. Gute Geschichte.
Jedenfalls ist da unten jetzt ein echter Clown und verarscht mich. Ich meine, wenn ich einem in der Kneipe den Stuhl wegziehe und er legt sich aufs Kreuz, das ist lustig. Wenn das ein Clown macht ist es bescheuert. Der tut sich ja nichtmal weh. Dann kommt die Nummer, wo er so tut als könnte er nicht jonglieren. Für wie blöd hält der mich? Sogar ich kann das. Idiot. Lässt die Bälle fallen und alle lachen, weil er so dumm ist. Plötzlich kann ers dann und alle im Publikum „Ah, sieh mal, er kanns!“ und „Toll!“ und „Großartige Jonglage!“. Da scheiß ich drauf, ich lass mich von so einem angemalten Dingsbums nicht verkackeiern.
Langsam habe ich die Schnauze voll. Nach dem Clown kommt so ein Feuertyp. Feuerspucken und Feuerschlucken. Pah, das mach ich auch immer wenn ich besoffen bin. Ein Schluck Benzin, Feuerzeug und ab gehts. Nix dabei. Hab sogar mal einen Baum angezündet damit, an Silvester. Das war lustig.
Dann ist die Scheiße endlich vorbei. Ich gehe mit den anderen raus, das Publikum ist die reinste Freakshow, die hätten sie in die Manege stellen sollen. Ich verdrück mich in die Schatten hinter dem Zelt. Möchte sehen ob man nicht die Tiger frei lassen kann oder so. Es ist stockfinster und regnet, ich schlage den Kragen von meinem Mantel hoch und ziehe den Kopf tief zwischen meine Schultern. Zur Beruhigung noch eine Zigarette, kein Mensch zu sehen.
Ich biege um eine Ecke und pralle fast mit dem Clown zusammen. Wie aus dem Boden gewachsen stehe ich vor ihm. Ich bin zwei Köpfe größer als er und in diesem Moment blitzt es fürchterlich und beinah gleichzeitig zerreißt ein gewaltiger Donner das Prasslen des Regens als wärs Papier. Der Clown ist völlig erstarrt, der Regen wäscht sich durch seinen Schminke, langsam löst sich seine rote Deppennase und fällt in den Dreck. Dann beuge ich mich zu ihm runter, blase Rauch in seinen offenstehenden Mund und knurre:
„Bring mich zum Lachen, Clown.“
Vielleicht wird der Abend ja doch noch lustig.