Der vierzehnte Frühling

Geschichte eingereicht bei einem Wettbewerb zum thema „Es lebt!“. Sonst keine Vorgaben.
Die Story hat unverständlicherweise nicht gewonnen.

„Meine Herren, kommen wir nun zum wesentlichen Punkt unserer Untersuchung“ sagt eine Stimme. Gleich darauf wird mein linkes und dann mein rechtes Augenlid geöffnet. Ich sehe grelles Licht. Es ist widerlich.
„Die Augen, wie Sie sehen, sind völlig unbeweglich.“ Ein roter Punkt erscheint vor meinem Auge, wird größer. Es wird wieder dunkel.
„Achten sie auf die Monitore.“
Ich fühle einen heftigen Schlag mitten in meinem Kopf, plötzlich bin ich nicht mehr hier.

Ich liege auf der Erde. Sehe nur Schemen um mich herum. Eine sanfte Berührung. Jemand streichelt meinen Kopf. Geräusche. Es ist meine Mutter. Sie lässt mich allein. Es ist kalt. Feucht. Schön. Ruhig.

Plötzlich bin ich in einem Klassenzimmer. Ich muss ganz vorne sitzen, weil mit meinen Augen etwas nicht in Ordnung ist, ich trage dicke Brillengläser. Als die Lehrerin sich umdreht, wirft mir ein Kind eine Getränkedose an den Hinterkopf. Eine volle. Ich schlage auf der Bank auf und werde bewusstlos.

Jetzt bin ich in dem Heim, in dem ich gewohnt habe, als ich ein Kind war. Jemand beugt sich über mich, ein Arzt. Meine Genitalien werden untersucht. Aber ich verstehe nicht, was damit nicht stimmt. Schmerzen habe ich nicht, also muss man auch nichts machen, sagt der Arzt, er kennt so etwas nicht.

Dann werde ich geschlagen. Ich weiß nicht warum. Ich weiß auch nicht, warum ich nicht zurückschlage. Ich blute aus der Nase, das Blut ist dick und dunkelrot, aber Schmerzen spüre ich nicht. Die Kinder lassen mich auf den Boden fallen und laufen davon. Die Sonne blendet mich.

Nun spricht ein Mann mit mir. Er sagt, ich bin anders. Aber das macht nichts, meint er, ich muss nur genau aufpassen, ob sich irgendetwas verändert und um Gottes Willen darf ich niemanden verletzen. Er stellt mich nackt vor einen Spiegel. Meine Haut ist glatt und völlig unbehaart. Er zeigt mir ein Bild von einem nackten Jungen in meinem Alter. Der hat etwas zwischen den Beinen, was mir fehlt.

Ich kann mich erinnern, dass ich irgendwann Dinge gefühlt habe, neue Dinge. Ich fühlte, ich wollte allein sein mit jemanden, nachts. Ich trug zu der Zeit bereits ständig eine Sonnenbrille, Licht bereitete mir Kopfschmerzen und mir wurde übel.

Dann bin ich mit Rita im Zimmer. Ich bin vierzehn. Nachts mit Rita in diesem Zimmer wird mir heiß, ich habe Angst. Wir reden über die Erzieher und über Bücher. Ich glaube ich habe alle Bücher gelesen, die es in der Bücherei gibt. Die Kinder aus dem Heim dürfen Bücher ausleihen, so viel sie wollen, ich will sie alle lesen. Ich suche etwas. Dann fasst sie mich an, am Nacken, zieht mein Hemd aus.
Sie sagt: „Wie weich deine Haut ist…“ Ich zittere und will noch sagen, dass sie es nicht tun soll, aber sie hat schon hingefasst. Mein Blut kocht und es passiert, was ich aus irgendeinem Grund schon geahnt habe. Sie zieht einen blutigen Klumpen Fleisch aus meiner Hose. Er zerfällt und zerfließt in ihrer Hand. Ich kann nicht anders. Ich falle rückwärts aufs Bett und stöhne. Sie ist völlig erstarrt, sieht mich an ohne etwas zu sagen. Ich fasse nun selbst zwischen meine Beine, greife tief in mein eigenes Fleisch und streife es ab, schleudere es von mir, in großen Fetzen löst sich alles, diese Hülle aus fauligem Leben, diese Maske, die mich unter euch überleben ließ, aber jetzt bin ich stark, ich bin frei, ich heule auf und schüttle alles ab, das überflüssige Fleisch und die Haut und das Blut und zurück bleibt ein schwarzer Panzer, kalt und feucht und weich und hart zugleich, wie Leder.
Das nächtliche Zimmer erstrahlt in Farben, von denen ich nicht geglaubt hätte, dass es sie gibt. Geräusche dringen in meinen Kopf , die ich bisher nicht wahrgenommen habe. Die Luft um mich herum, ich kann sie fühlen. Ich bin frei, viel größer.
Rita schreit. Sie ist voll von Blut und Fleischfetzen. Ich kann erst sprechen, nachdem ich einige blutige Klumpen erbrochen habe, doch meine Stimme ist mir fremd. Ich versuche ihr den Mund zuzuhalten, aber meine schwarzen Finger schneiden Streifen in ihr Gesicht. Sie schreit und hört nicht auf, ein Griff an ihre Kehle, sie gurgelt, ihr Kopf kippt nach hinten, Blut spritzt an die Decke. Es ist schade, dass sie tot ist. Das habe ich nicht gewollt.
Ich springe durch das Fenster, Glasscherben und Holzsplitter fallen mit mir zu Boden, glitzern im Mondlicht wie Sterne um mich herum und ich bin eins mit der Luft, mit dem Regen und mit der Nacht.

Dann bin ich in meiner Hütte. Ein kleiner Schuppen am Waldrand, nicht weit von einer Kleingartensiedlung. Niemand stört mich. Nur ab und zu kommen Teenies zum Fummeln. Ich sehe ihnen zu und bin einsam. Ich sehe die Hitze in ihren Körpern aufsteigen, höre ihr Stöhnen, als wären sie direkt in meinem Kopf. Dann überkommt es mich. Es ist vielleicht Eifersucht, es überkommt mich und ich zerreiße sie. Reiße sie in Stücke. Es ist wie ein Rausch, wie Liebe. Gierig verschlinge ich sie bis auf den letzten Rest ihrer weichen Körper und verharre dann einige Tage völlig erstarrt unter dem Haufen blutigen Strohs, auf dem sie sich lieben wollten.

Ich erinnere mich, ich habe seit vierzehn Jahren keinen Schnee mehr gesehen, denn im Winter bin ich wie tot und erwache erst mit den zarten Knospen an den Bäumen.
Ich erinnere mich an mein seltsames Leben, das ich führte, Tiere jagend, nachts den Wald durchstreifend.
Ich erinnere mich, ich liebte den Regen und die Nacht.
Ich erinnere mich, ich träumte von einem Schmetterling. Er setzte sich auf einen kleinen Zweig und während die Blätter welkten und fielen, verpuppte er sich und als der Schnee schmolz und der Winter endete, kroch eine Raupe hervor, schillernd in allen Farben dieser und einer anderen Welt.
Ich erinnere mich an den Autofahrer, der mich angefahren hat. Ich nahm ihn mit in meine Hütte. Ich erinnere mich, manchmal sah ich durch die Fenster. Sie saßen mit ihren Frauen vor dem Fernseher. Und mit den Kindern. Sie hatten manchmal die Fenster offen, aber sie unterhielten sich wenig. Es machte mich wütend sie zu beobachten.
Ich erinnere mich, manchmal heulte ich die Sterne an, schrie sie hinaus, meine Einsamkeit, meine Angst.

„Meine Herren, kommen wir nun zum wesentlichen Punkt unserer Untersuchung.“
Dann schneidet er meine Augenlid auf um etwas zu demonstrieren. Das Licht bohrt sich tief in meinen Kopf.
„Die Augen, wie sie sehen, sind völlig unbeweglich.“
Er sticht mir eine glühende Nadel hinein um zu zeigen, dass ich nicht reagiere. Aber mein Körper reagiert bereits. Er hat mich aufgeweckt. Rechts und links an meinen Schläfen wird etwas aufgeklebt, die Elektroden.
„Achten sie auf die Monitore.“
Der Stromschlag jagt mir Leben in die Glieder. Ich fühle mich gut.
Wenn man etwas in einer verlassenen Hütte findet, das man nicht kennt („sehen Sie nur, was passiert“). Etwas, das einen halben Meter größer ist als ein Mensch und schwarz und glänzend.
Wenn es auch seltsam zerschlagen und zerschunden aussieht und („einen Moment noch“) auch wenn es aussieht, als wäre es tot – das könnte nur Tarnung sein.
Wenn man es dann mitnimmt um Experimente zu machen („Mein Gott“), wenn man es dann auf einen Tisch legt und ihm Strom durch den Schädel jagt.
Wenn man das alles mit mir tut („Mein Gott, sehen Sie sein Herz schlägt“), dann sollte man mich auf dem verdammten Tisch („Es bewegt sich, es lebt!“) besser sehr sehr gut festschnallen.
Meine Mimik ist anders als die eure, weil mein Gesicht anders ist, aber ich denke, als ich aufstehe und meine schwarzblutigen Augen euch anstarren, da merkt ihr, dass ich euch angrinse.
Ihr hättet vorsichtiger sein sollen.