Komm mit

Eigentlich als Fingerübung zum Dialog geschrieben, dann eingereicht zu einem Wettbewerb mit Thema „amour fou“.
Thema war wohl verfehlt.

Später aus einem mir entfallenen Anlass im Rathaus-Prunksaal vor illustrem Publikum gelesen.
Mit mir on stage: Landshuts OB himself – Hans Rampf

ob

„Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt Liebe ist“, sagt sie und wischt sich den Mund ab.
„Mhm“, sagt er. Dann trinkt er einen Schluck Wein. Sie auch.
Dann rauchen sie.

„Ich geh jetzt“, sagt sie. „Deine Freundin kommt eh bald heim, oder?“
„Nein, Nachtschicht.“
Er macht noch eine Flasche auf. Sie kriecht ins Bett.
„Du wolltest doch mal Kinder“, sagt er.
„Will ich immer noch.“
„Wann denn, in zehn Jahren, wenn du fünfzig bist?“
„Neunundvierzig bin ich dann.“
„Weißt du, wie da die Chancen auf einen Mongo stehen?“
„Red nicht so. Das ist mir egal.“
„Aber dem Kind vielleicht nicht.“
Sie sagt nichts, denkt nach, drückt ihre Zigarette aus.
„Ich möchte ein Kind, das ich lieben kann. Ich habe niemanden sonst“, sagt sie dann.
„Mhm. Auch wenns behindert ist?“
„Ja. Es wird alle meine Liebe kriegen. Alles was ich mir an Liebe aufgespart habe.“
„Eine ganze Menge. Glaubst du, dass du das überhaupt noch kannst?“
„Was?“
„Lieben.“
„Red keinen Scheiß.“
Sie schenken sich Wein ein.
„Ich kenne ja viele Frauen.“
„Du meinst, du vögelst viele Frauen.“
„Ich kenne Sie. Ich spüre ihr Leben. Ich sehe in ihre Augen und ich kenne ihre Gedanken und ihre Seele.“
„Du kennst die Muschi. Und den Mund. Und dann laufen sie dir davon.“
„Bei dir ist nicht viel Leben da“, sagt er und sieht in die Kerzenflamme. Starrt hinein.
„Was ist denn mit deiner Freundin?“
„Wie?“
„Ist da Leben drin?“
„Natürlich.“
„Woher willst du das wissen?“
„Ich spüre es. Sie pulsiert. Sie bebt.“
„Ha, das kann ich auch.“
Sie beginnt zu zittern. Dann schließt sie die Augen und legt den Kopf auf die Schulter. Stöhnt, streicht sich mit der Hand langsam vom Mund über den Hals bis zur Brust, markiert einen Orgasmus.
„Hör auf damit“, sagt er.
Sie zündet sich an der Kerze eine neue Zigarette an.
„Und du lebst?“
„Ja. Natürlich.“
„Wie kannst du da so sicher sein?.“
„Ich genieße mein Leben. Ich bin achtzehn. Ich treffe viele Menschen, die mögen mich. Ich hab viel Spaß.“
„Aha. Und was ist jetzt mit deiner Freundin?“, fragt sie nach. „Letztes Mal waren ihre Cremes und so noch im Bad.“
„Mhm. Sie ist weg.“
„Ach, weil du so toll lebst. Und so ein Menschenkenner bist.“
„Nein, weil sie eine blöde Sau ist.“
Jetzt wird er sauer, trinkt den Wein aus, schenkt sich nach.
„Oh, hat sie dich ausgenutzt, die Böse …“
Er trinkt noch mal.
„Sie will halt was anderes. Jemand andern.“
„Jemand, der nicht so ein tolles Leben führt mit so viel Schnaps und Weibern wie du? Oder was? Will sie einen langweiligen Kerl, der vielleicht mal was arbeitet?“
Er sagt nichts darauf. Wenn er das Glas vor die Kerze hält, leuchtet der Wein blutig.
„Ich hab sie nicht gefragt, was sie will. Aber immerhin tut sie was dafür. Im Gegensatz zu dir. Du sitzt nur auf deinem Arsch, der immer breiter wird.“
„Bin ich nicht hier? Tu ich da nichts dafür?“
„Andere gehen halt zum Tennis. Du kommst hierher. Armselig ist das.“
„Ach, ich bin armselig? Hast du dir dein Loch hier schon mal bei Tageslicht angesehen? Deine zusammengewürfelten Möbel? Den ganzen Scheißdreck, den du irgendwo aufsammelst und dann auf den Fernseher stellst? Weißt du, dass man aus einer Wohnung den Charakter lesen kann?“
„Und was liest du da? Wenn du so schlau bist?“
„Soll ich dir sagen, was ich da lese?“
„Ja, sags mir, kluge Sarah, komm, sags mir“
Seine Hand zittert, als er die Zigarette ausdrückt.
„Ich sags dir. Hat dich deine Mutter geliebt?“
„Wie bitte?“
„Ob dich deine Mutter geliebt hat?“
„Natürlich hat sie das.“
„Siehst du, das ist nicht wahr.“
„Was? Das liest du hier aus meinem Zimmer oder wie? Oh Mann, so eine Scheiße.“
„Du bist ein armseliger Wicht, der säuft, weil er Angst hat.“
„Wovor hab ich denn Angst?“
„Dass dich keiner liebt.“
„Ich sag doch, es gibt viele Menschen, die mich mögen.“
„Mhm, und wo sind die alle?“
„Na ja, da wo wir uns halt sonst treffen.“
„Die sitzen in der Kneipe und warten besoffen auf ihren tollen Benjamin, bis er kommt und sie mit seinem Glanz beglückt, damit sie sich sonnen können in seinem Leben und alles. Das glaubst du wirklich?“
Er sagt nichts, stiert in sein Glas. Der Wein macht ihm gerade den Kopf ziemlich träge. Immerhin hat er auch schon, er weiß gar nicht mehr genau, eine oder zwei Flaschen. Aber er hasst sie jetzt. Wenn sie so redet. Sie soll gehen.
„Ich seh jetzt fern“, sagt er.
„Ja, sieh fern. Schau dir das Leben im Fernsehen an. Da kannst mal sehen.“
Er sucht die Fernbedienung. Im Dunkeln findet er sie nicht gleich. Als er das Glas umstößt, sagt sie:
„Komm, beruhig dich.“
„Halts Maul.“
„He. Hör schon auf. Du hast zu viel getrunken.“
„Hab ich nicht“, sagt er, aber als er aufsteht, merkt er selber, dass er wackelt.
„Komm her, ich blas dir noch einen.“
„Lass mich in Ruhe. Du willst mir nur was einreden, damit du dir selber nicht so scheiße vorkommst. Du hast doch selber Angst. Vor allem und vor mir.“
„Hör auf, setz dich her.“
„Dich geht das überhaupt nichts an, was mit meiner Mutter ist, oder ob ich Angst habe. Ich hab ein Leben und das werd ich mir auch nehmen. Und machen damit, was ich will.“
„Was willst du denn?“
„Nicht so tot sein wie du. Du bist tot. Sitzt in deinem dämlichen Haus und wartest, bis dein Mann heimkommt. Und wenn kein Essen auf dem Tisch steht, dann brüllt er dich an. Hurra, ein Superleben. Und dann in zehn Jahren vielleicht noch ein Kind. Ein Mongo-Kind. Das kannst du dann zerquetschen mit deiner Liebe. Du weißt doch gar nicht mehr, was das ist, Liebe.“
„Weißt du denn, was Liebe ist?“
„Ja natürlich. Liebe, das ist, wenn ich sage: komm mit, und du kommst mit und fragst nicht lang. Das ist Liebe. Mitkommen. Nicht lang fragen.“
Jetzt ist sie still. Als er das Licht anschaltet, zieht sie sich schnell die Decke über ihre nackte Brust.
„Oh, da schämst du dich wieder. Wie kann man sich denn für seinen Körper eigentlich so schämen, wenn man so toll lebt wie du, hm?“
Sie sucht ihre Unterwäsche.
„Er schlägt mich immer noch.“
„Ich hab dich auch schon geschlagen.“
„Weil ich es wollte. Das ist was anderes.“
Er schaltet das Licht wieder aus, weil er die Fernbedienung gefunden hat. Die Bilder im Fernsehen überschlagen sich plötzlich, so schnell zappt er durch. Musikvideos, Talkshows, Werbung, schlechte Filme, Nachrichten, ein Sexfilm. Sie liegt immer noch nackt unter der Decke und sieht ihn im Schein des flackernden Fernsehbildes an. Er ist gar nicht so hübsch. Hat irgendwie ein komisches Gesicht. Die Augen sind zu nah zusammen oder so. Den Mund hat er immer so schief.
„Weißt du, wie ich meinen Mann kennen gelernt habe, vor zwanzig Jahren?“
„Nein.“ Er ist ein bisschen neben der Spur, wegen dem Wein und sonst auch.
„Ich bin die Straße entlang gegangen zum Einkaufen, Montag Nachmittag. Da stand er an einer Straßenecke. Ich hab ihn gar nicht richtig gesehen. Und dann hab ich ihn gefragt: Was machst du denn da? Er hat gesagt: Nichts. Dann hab ich gesagt: Komm doch mit. Und er ist mitgekommen.“
Er hört auf rumzuschalten. Ein Bericht über einen Anschlag.
„Im Ernst?“
„Ja, im Ernst.“