Der Schneider und seine Lehrerin

Geschrieben für den 1. Landshuter Krimiwettbewerb 2004. Die Vorgaben waren, die Wörter „Teralitur“, „Röcklturm“, „borstig“ und „pfeifen“ in genau dieser Form zu verwenden.
Habe ich gemacht und gewonnen.

Der Schneider sitzt also da im Biergarten und trinkt, na was denkst du, ein Bier. Und die Isar rinnt dahin Richtung Maxwehr, als wär nichts gewesen. Und gegenüber beim Röcklturm, da kann der Schneider sehen, wie das Blut von seiner Lehrerin in der Sonne glitzert, auf den Kies runtertropft und dann versickert. Ganz groß sieht er dahinter den Turm von der Martinskirche und denkt dabei an seine Kommunion.

Die war nämlich fürchterlich. Der kleine Schneider sitzt mit den anderen Kindern in der ersten Bank in der Kirche und auf einmal schaut er nach oben und sieht das riesige Kreuz. Das ist ihm vorher noch nicht aufgefallen und der Schreck, den er kriegt, der haut ihn fast von der Bank. Weil er nämlich fürchterliche Angst hat, dass das Kreuz da runterfällt und mitten auf ihn drauf und ihn erschlägt wie nichts. Da ist er furchtbar nervös geworden und hat sich dauernd umgedreht, ob er seine Eltern irgendwo sieht, aber da waren so viele Leute, keine Chance. Und als er dann angefangen hat zu pfeifen, zum Beruhigen, da hat ihm sein Banknachbar einen Renner gegeben, dass ihm die Kerze runtergefallen ist und zerbrochen. Weil das ist halt das Letzte, in der Kirche pfeifen, noch dazu in der Martinskirche bei der Kommunion.

Dann hat er angefangen zu weinen und das war so laut, da ist der Bischof zu ihm hingegangen und wollte ihn beruhigen. Aber der Bischof hat natürlich nicht gewusst, dass der kleine Schneider mit seinen neun Jahren immer noch schlimme Angst vor dem Nikolaus hat, und dann wars ganz vorbei. Zeter und Mordio und er will rausrennen und plötzlich steht da sein Vater und haut ihm eine runter mitten in der Martinskirche unter dem riesigen Kreuz, dass es nur so kracht. Und seine Lehrerin, die hat ihn dann getröstet am nächsten Tag in der Schule. Die hat er eh am allerliebsten gehabt. Und wie sie ihn dann so getröstet hat und gesagt hat, dann kann er ja nächstes Jahr noch mal Kommunion machen, da war er gleich verliebt. Also nein, dafür war er ja noch zu klein, er wollte eigentlich, dass sie ihn adoptiert. Und er hat gewusst, dass sie recht gern liest. Dann hat er ihr einen Aufsatz geschrieben, in dem ging es um einen kleinen Buben, der von seiner Lehrerin adoptiert wird. Da war sie ganz gerührt. Aber das hat ihm halt nicht gereicht, er wollte halt so Sachen schreiben, wie sie gerne liest, dass sie ihn auch wirklich mag. Und er hat sie gefragt, ob der Aufsatz jetzt eine Teralitur ist. Dann hat sie gelacht und hat gesagt, ja, kleiner Schneider, das ist eine Teralitur. Das war das Paradies.

Und noch mehr Paradies war der Schulausflug, da sind sie vom Theater aus die Isar entlang gelaufen. Sie haben dann irgendwann Brotzeit gemacht und den Ruderern und den Möwen zugeschaut und auf dem Rückweg hat der kleine Schneider dann an den Röcklturm hingepinkelt. Das hat er nicht bös gemeint, er hat halt müssen. Dann ist die Lehrerin zurück und hat ihn gesucht und weil grad keiner hergeschaut hat, hat sie ihn schnell in den Arm genommen und ihm einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Ich sag ja, Paradies. Aber dem kleinen Schneider hat da schon was gedämmert, dass die Geschichte noch nicht fertig ist. Weil er hat nämlich schon den Räuber Hotzenplotz gelesen, alle drei Teile. Und da ist ihm aufgefallen, zum Beispiel am Ende vom ersten Teil ist der Räuber Hotzenplotz eingesperrt, und zwar zu Recht. Da schaut er aus dem Spritzenhaus raus mit der großen Feder auf seinem Hut und den Bart ganz borstig und die Augen ganz finster. Und am Anfang vom zweiten Teil haut er einfach so mir nichts dir nichts ab aus dem Spritzenhaus, dann wird er wieder gefangen und im dritten Teil wird er plötzlich freigelassen und macht zum Schluss ein Wirtshaus auf. Andere Kinder machen sich da vielleicht keine Gedanken, aber der kleine Schneider hat eine Zeitlang ganz fiebrig drauf gewartet, dass ein vierter Teil kommt, wo der Räuber Hotzenplotz wieder ein böser Räuber wird und seine Schandtaten noch weiter treibt. Das hat ihn beschäftigt, den kleinen Schneider, weil er nicht gewusst hat, ob die Geschichte jetzt wirklich aus ist, oder ob da noch was kommt.

Und dann ist halt die Lehrerin auf einmal schwanger gewesen und woanders hingezogen. Die wollte halt doch lieber ein anderes Kind, und nicht ihn. Und dann hat ihm noch der depperte neue Lehrer auf einmal gesagt, das ist ein Blödsinn, das heißt überhaupt nicht Teralitur. Dann wars ganz vorbei mit seiner Kindheit. Seitdem ist der kleine Schneider dann immer größer geworden, aber so richtig lustig war er nicht mehr. Bei keiner Geschichte und bei keinem Film hat er sich mehr freuen können, wenns gut ausgegangen ist. Weil er hat immer Angst gehabt, da kommt noch was nach. Beispiel, die beiden finden sich zum Schluss. Kann sein, dass am Tag darauf, da kommt sie heim und sagt, sie ist schwanger und zwar vom andern. Oder so. Im Leben sind die Geschichten dann nämlich nicht vorbei, im Leben gibts halt nur einen Schluss, wo dann wirklich Schluss ist. Vorher das ist alles ein Dahinrinnen, das gar nicht aufhört. Und jetzt sitzt der Schneider im Biergarten und schaut rüber zum Röcklturm. Da liegt seine Lehrerin immer noch und ist ganz voller Blut. Die Polizei ist auch schon da, und sichert Spuren oder so. Dann zahlt der Schneider sein Bier, und geht rüber zu seiner Lehrerin. Er kann nicht ganz hin, weil da gleich ein Polizist steht mit ein paar Blättern Papier in der Hand und mit seiner Mütze in der anderen.

Der sagt: „Zurückbleiben bitte!“

Da bleibt der Schneider stehen und schaut seine Lehrerin an. Wie sie so daliegt mit dem ganzen Blut und den Ameisen. Schön ist sie immer noch, findet er.

Und der Schneider sagt zu dem Polizisten: „Schön ist sie, gell, die Lehrerin?“

Da schaut der Polizist ihn an: „Kennen sie die? Die Tote?“

Der Schneider: „Freilich. Das war meine Lehrerin.“

Der Polizist meint natürlich, da will sich einer wichtig machen. Aber er hat halt grad nix Besseres zu tun, außer da rumstehen und die Leute zurückhalten, da fragt er:

„Und wann haben sie die denn zum letzten Mal gesehen?“

Sagt der Schneider: „Vorher, im Bernlochner.“

„War sie da allein?“

„Nein, ich war ja mit ihr im Bernlochner. Und dann sind wir zusammen rausgegangen und die Isar entlang.“

„Ist ihnen dann was aufgefallen? Ein Fremder? Oder hat sie jemand verfolgt?“

„Nein, uns ist keiner gefolgt, wir waren da ganz allein. Und dann hab ich ihr den Hals durchgeschnitten.“

Du darfst jetzt nicht denken, dass der Polizist da irgendwie langsam ist oder so. Der kennt eben die Geschichte mit dem Schneider und seiner Lehrerin nicht. Und es kommt auch nicht alle Tage vor, dass sie eine Leiche finden, und dann kommt einer daher und sagt, die kenn ich, die hab ich selber umgebracht. Drum sagt der Polizist bloß:

„Wenn sie ihr den Hals durchgeschnitten haben, dann müssten sie doch voller Blut sein.“

„Nein, das hat nicht gespritzt“, sagt der Schneider, „Komisch, gell?“

„Ja, komisch“ sagt der Polizist und denkt sich, wo kommt denn der Vogel eigentlich her. Und auf einmal sagt er:

„Sie haben nur da an der Tasche . da haben sie einen Fleck.“

Und dann zieht der Schneider das große Fleischmesser aus der Tasche mit dem Blut von der Lehrerin dran und sagt: „Da hab ich ja auch das Messer drin.“ Und dann hält er dem Polizisten das glänzende Messer vors Gesicht.

Und jetzt bei dem Polizisten, da fallen ihm die Schuppen sozusagen von den Augen und er macht vor lauter Schreck einen Satz nach hinten, dass man meint, so weit und hoch kann keiner springen. Schon gar nicht aus dem Stand und dann noch rückwärts. Aber anstatt dass er was Vernünftiges sagt, zum Beispiel „Sie sind verhaftet!“ oder „Stehen bleiben!“, oder dass er zumindest seine Pistole rausnimmt oder so, stattdessen schmeißt er das ganze Papier und seine Mütze in die Luft, weil er seine Arme so schnell hochreißt. Und das Papier fliegt in die Isar und treibt dahin Richtung Maxwehr, wo die Isar halt hinrinnt, und seine weiße Mütze fällt der Lehrerin genau auf die Brust und wird ganz rot von dem vielen Blut.