Trocken

Es regnet. Natürlich. Wie auch sonst. Sonst hätte ich nicht so gelangweilt im Wagen gesessen und den Funk von den Kollegen mitgehört. Dann hätte ich nicht von dem Unfall gehört. Mir wäre die Autonummer nicht aufgefallen. Tina. Ich steige aus, einen Kragen den man gegen den Regen hochschlagen könnte, hat das Sakko nicht.
„Und? Was ist passiert?“ Frage ich Meindl. Er hat sich über die Fahrerseite des Opels gebeugt.
„Nach was sieht’s denn aus? Hm? Reiter?“
„Ist schon recht, lass mich sehen, Meindl.“
Der Regen trommelt auf das zerknitterte Blech. Tina hat ihren Kopf auf das Lenkrad gelegt, die Arme herumgeschlungen, als wär’s ein Mensch. Ihre Haare, ihre sanft geschlossenen Augen. Wäre nicht das bisschen Blut an ihrer Nase, würde sich ihre Brust nur ein wenig bewegen, man könnte meinen, sie lebte noch.

„Hallo, mein Name ist Tina, ich bin Alkoholikerin und habe seit 48 Tagen nichts getrunken.“
„Hallo Tina!“
Applaus.
Diese idiotischen Treffen. Ich bin nur einmal hin gegangen, wegen meinem Arzt. Er meinte das hilft. Bullshit. Ein Saal voller Versager und die Erkenntnis selber einer zu sein soll helfen? Wobei? Scheiße fühlen kann ich mich auch alleine. Jedes Mal wenn einer sagt: „He, Reiter, trink einen mit.“ Immer das „Nein Danke“ hervorpressen müssen. Dann doch daheim bleiben. Rauchen, den Fernseher tot starren, Wasser trinken.
Der kluge Doktor, der großartige, studierte Doktor, der in der Praxis manchmal nach Sekt riecht.
Die zwanglosen Partys, bei denen alle verkrampft rumstehen, bevor sie nicht ein oder zwei Bier intus haben. Dieser ganze Scheißdreck. Und dann Tina. Hätte ich sie getroffen, bevor wir beide trocken waren, wir hätten uns totgesoffen. So aber liebten wir uns. Nächtelang. Voller Verzweiflung. Suchten nach Leben. Suchten in unseren Genitalien, brüllten Schmerzen heraus und nannten es Lust.
Wir wussten, entweder gingen wir zusammen unter, oder wir schafften es zusammen.

Jetzt liegt Tina hier und tut so, als würde sie nur schlafen.
„He, Reiter, was willst du eigentlich hier? Ist kein Mord zu sehen, nicht deine Baustelle. Kennst du die?“
„Nein, kenn sie nicht. Wieso ist die Beifahrertür auf?“
„Wird aufgesprungen sein. Immerhin ist die Kleine mit Hundert Sachen oder so an den Baum gedonnert. ungebremst, wie’s aussieht. Ich geh jetzt. Servus Reiter. Scheißwetter.“
„Was ist mit der Spurensicherung?“
„Bei einem Unfall? Hast du gemerkt, wie die Kleine nach Schnaps stinkt? Blödsinn, Reiter, kein Mensch braucht hier die Spurensicherung. Dich braucht hier auch keiner.“
Ich weiß. Niemand braucht mich. Außer die tote Tina. Gestern hätte sie mich gebraucht. Aber ich bin gegangen.
Neben der Beifahrertür ist das Gras eingedrückt. Es könnte jemand ausgestiegen sein. Jemand der sie irgendwie da reingeritten hat. Oder auch nicht.
Ich traue mich nicht Tina anzufassen. Stehe im Regen, nass bis auf die Knochen und rauche. Irgendwann holen sie die Leiche, dann das Auto. Mich holt keiner. Ich muss selber heimfahren.
Was hat sie gestern gemacht nachdem ich gegangen war? Wir hatten gestritten. Ich hatte wieder diese Wut. Die Sorte Wut die ich früher mit ein paar Bier runtergespült habe. Eine unbändige Wut, ausgelöst von irgendeinem Scheiß. Das Essen zu kalt, ZACK, ausgerastet. Wut auf alles und jeden, vor allem auf mich. Früher, ja früher habe ich … aber seit ich trocken bin krieg ich das nicht weg. Gegen Frust gibt’s keine Tabletten, hat der Doktor gesagt. Das Arschloch. Und wenn ich meine Wut kriege, gehe ich weg von Tina, bis ich mich beruhigt habe. Ich sage sonst widerwärtige Sachen zu ihr, drum gehe ich lieber weg. Vielleicht war es ihr gestern zu viel? Was zum Teufel habe ich gesagt, worüber haben wir eigentlich gestritten? Keine Ahnung. Filmriss. Kann man auch ohne Alkohol bekommen.
Jedenfalls: kurz nach Acht war ich daheim. Jetzt ist es sieben Uhr Morgens. Die Meldung über Funk kam um Fünf. Sie hatte fast neun Stunden, sich zu betrinken und an einen Baum zu fahren. Arme Tina. Wer war das? Wer hat sie hier auf diese Straße gehetzt? Wer war der Beifahrer, wenn denn einer da war?
Ich suche ihn. Dienstlich kann ich nichts machen, die kommen mir früher oder später drauf. Befangenheit. Also lass ich mich krankschreiben. Das ist privat.

Am Abend, gleicher Regen, gleiche Scheiße. Zwanzig Minuten stehe ich vor der Kneipe. Mit Mantel und Hut. Eine aufgeweichte Zigarette im Mund. Und brennenden Zorn im Kopf. Wenn Tina irgendwo getrunken hat, dann hier. Im Eber. In der Wohnung keine Spur von Alkohol, alles ok. Nichts kaputt, keine Spur von Kampf. Alles normal. Wenn sie also getrunken hat, dann hier. Vom weißhaarigen Hell’s Angel bis zum Vierzehnjährigen der seine Entjungferung feiert, ist alles hier. Anfangs feiert man. Dann säuft man. Später trinkt man nur noch. Wird immer unspektakulärer. Je weniger man einen Anlass braucht, desto bitterer. Bitter ist das richtige Wort. Die aufgeweichte Kippe schmeckt bitter. Der Zorn schmeckt bitter. Der Regen. Die Erinnerungen. Besoffen rausgeflogen, im Schlamm gewälzt. Therapie und der ganze Mist. Tina. Leben. Und Unfall.
Ich werfe die kaputte Zigarette in den Regen. Was habe ich in der Hand? Einen Verdacht? Sie könnte vielleicht nicht alleine im Auto gewesen sein, eventuell. Wo wollte sie hin? Stadtauswärts. Sie hat irgendeine Freundin außerhalb, vielleicht wollte sie da hin. Oder sie war im Eber, hat getrunken, einen Typen mitgenommen, irgendwo hingefahren, zudringlich, Unfall, der Penner haut ab.
Mein Mund ist trocken. Es regnet. Ich bekomme jetzt die Kopfschmerzen, wegen derer ich mich morgens habe krank schreiben lassen.
Dann gehe ich rein. Ich starre Löcher in den Boden. War schon ewig nicht mehr hier. Bestelle ein Wasser. Nach fünf Minuten ist das Zittern endlich vorbei. Zu viel von meinem eigenen Irrsinn hängt hier in der Luft. Ich kann die Kotze noch riechen. Als ich mein Wasserglas nehme rutscht es mir beinah aus. Langsam führe ich es zum Mund um meinen ausgetrockneten Rachen zu beruhigen. Da haut mir einer von hinten ins Genick.
„Herr Kommisar!“ brüllt er. Es ist Schickl. Ein stadtbekannter Säufer. Er hat geerbt. Jetzt versäuft er’s und nimmt Wetten an, was zuerst zu Ende geht. Das Geld oder sein Leben.
„Was machst du denn hier! Häh? Kommissar?“
Ich glaube, der kann gar nicht in normaler Lautstärke sprechen. Zumindest hab ich’s noch nie gehört.
Ich stiere in mein Glas. Ich weiß gar nicht was ich hier will. Jemanden befragen? Wen denn? Und was für Fragen?
Aber Schickl nimmt mir die Arbeit ab.
„Wo hast du denn deine Kleine, häh, Kommissar? Die geile Blonde?“
„Kennst du sie?“
Ich drehe mich um, nehme meinen Hut ab, Wasser tropft auf den Boden.
„Die kennt doch jeder.“ brüllt Schickl. „Verstehst du Kommissar! Die kennt JEDER!“ Und dann lacht er so dreckig, wie nur ein besoffener Bayer lachen kann. Diese Drecksau.
Als ich aufstehen will um ihm eine rein zu hauen, packt mich Django am Arm. Der Barmann. Der „Dealer“.
„Lass gut sein, Reiter, der hat doch keine Ahnung, was er da faselt.“
Dann lässt er mich wieder los und ich frage Schickl:
„War sie hier? Gestern?“
„Freilich! Und Vorgestern, jeden Tag! Und jedes Mal mit einem andern. Hah! Die Schlampe. Der Kommissar und die Schlampe. Ich lach mich kaputt! Prost, Gemeinde!“
Ich brüte vor mich hin. Vorgestern war sie garantiert nicht hier, da war sie bei mir daheim. Vorvorgestern weiß ich nicht mehr, am Wochenende – keine Ahnung. Oh mein Gott. Ich stiere in mein Wasser, Schickl grölt weiter und spuckt mir dabei ins Genick. Ich darf ihn nicht ernst nehmen. Es war ein Unfall. Ein Rückfall. Der letzte. Ganz normal sowas. Arme Tina. Scheiß-Schickl.
Ich knalle ein paar Euro auf den Tresen, dann gehe ich raus, begleitet von dem Gebrüll von Schickl und Konsorten. Draußen ist der Regen, Kopfweh, Zorn, alles noch da.
Ich warte im Dunkeln neben dem Eingang. Als Schickl rauskommt gehe ich ihm verstohlen nach. Kurz vor seiner Wohnung, als er wankend nach seinen Schlüsseln kramt, trete ich hinter ihn, wie sein eigener dumpfer Schatten und schieße ihm in den Hinterkopf. Er bricht zusammen, blutet, stirbt. Dann gehe ich in die Kneipe zurück.
Es regnet immer noch. Aber mein Kopf ist leer und leicht. Ich bin so locker wie schon lange nicht mehr. Der Regen fließt warm und sanft über mein Gesicht.
Ich bestelle bei Django einen Doppelten. Dann noch einen. Und noch einen. Heute trink ich, Morgen stelle ich mich und Übermorgen geh ich in den Bau. Ich werde büßen, Tina.
Jeder büßt auf seine Art.